Herausforderungen des neuen Jahrhunderts
Wissenschaftler und Intellektuelle diagnostizieren eine Krise der abendländischen Zivilisation. Die Welt steuert recht unsicher auf das neue Jahrhundert zu und nimmt Abschied von dem zwanzigsten, in dem Zwei Weltkriege entfesselt wurden. Ob es im 21. Jahrhundert gelingt, die schwierigsten Probleme der Menschheit zu lösen und Frieden, Stabilität sowie soziale Gerechtigkeit herbeizuführen, bleibt eine offene Frage.
Mit dem Ende 20. Jh. hat sich die in Jalta beschlossene antagonistische Zweiteilung der Welt aufgelöst. Das "kommunistische Imperium des Bösen" liegt in Trümmern. Die im Kalten Krieg vorherrschende Weltordnung wich einem in ständiger Wandlung begriffenen Chaos, aus dem die westlichen demokratischen Staaten gestärkt hervorgehen wollen, weshalb sie ihre politische und wirtschaftliche Dominanz ausbauen. Die führende Rolle in der Welt spielen die USA, die derzeit einzige Supermacht, die über das entsprechende militärische und wirtschaftliche Potential verfügt.
Die USA legen im Zusammenspiel mit der Europäischen Union und mit der NATO Fundamente für eine neue Ordnung in Europa.
Durch ihre militärische Intervention in Bosnien und dann im Kosovo leitete die NATO ein neues Kapitel ihrer Geschichte ein, in dem sie sich entschloss, zur Wahrung der Menschenrechte ihre Streitkräfte einzusetzen. Der NATO-Pakt nahm ferner drei neue Mitglieder auf und weitete somit die Zone des Friedens in Europa auf drei Länder des ehemaligen Ostblocks aus. Die Europäische Union wurde vor die Entscheidung über die Osterweiterung gestellt, mit deren Vollzug sie dann kein exklusiver Klub reicher Industriestaaten mehr wäre, sondern eine paneuropäische Organisation.
Manche der gegenwärtigen Entwicklungen geben uns ernsthaften Anlass zur Sorge. Auf dem Balkan und im Kaukasus brachen blutige ethnische Konflikte aus. Die Straßen der europäischen Städte sind ein gefährliches Pflaster geworden. Neonazis schlagen auf Fremde ein. An die Mauern werden Hakenkreuze und antisemitische Parolen geschmiert. Immer wieder werden Versuche unternommen, die Tatsache anzuzweifeln, dass die Nazis Vernichtungslager betrieben haben. Radikale und rassistische Gruppierungen und Parteien intensivieren ihre Aktivitäten. Zunehmend viele Jugendliche scheuen angesichts ihrer Probleme nicht vor Gewaltanwendung zurück. Die westlichen Demokratien scheinen gegenüber der wachsenden Radikalisierung der Gemüter hilflos zu sein.
Rony Brauman, der zwölf Jahre lang der Organisation "Medicins sans Frontieres" vorstand, äußerte einmal gegenüber einem Journalisten von "Newsweek" folgende Meinung: "Alles ist möglich. Alles ist denkbar. Auch eine Neuauflage vom KZ Auschwitz ist denkbar, aus dem die CNN täglich Bilder übertragen wird. Und wir werden es seufzend quittieren: "Nein, das ist doch furchtbar ..."
Etwas, was wir nach den Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg nicht mehr für möglich gehalten haben, vollzieht sich vor unseren Augen: Der Völkermord in Bosnien, im Kosovo, in Tschetschenien. Erstaunlich leicht fiel es uns Europäern zu vergessen, welche Bescherung unsere Zivilisation der Welt bereitet hat, es waren u.a.: der Kommunismus, der Nationalsozialismus, der Holocaust, die Gulags und die Krematorien in Auschwitz. Uns entgeht völlig, dass Hitler in demokratischen Wahlen seine Macht erstreiten konnte. Es waren kleine Mosaiksteine der Duldungsbereitschaft eines Einzelnen, aus denen der Sockel für die Monster unserer Zeit - für Hitler und Stalin - errichtet wurden, und beide stürzten die Menschheit in ein Blutbad. Mitschuldig sind allerdings auch jene, die sich entschlossen, wegzusehen, gleichgültig zu bleiben.
Heute ist es unsere vorrangige Aufgabe, eine allumfassende Zusammenarbeit anzustreben, die über geographische, gesellschaftliche, politische, kulturelle und konfessionelle Grenzen hinweg den uns lebenswichtigen Bereich der Hoffnung erweitert. Jetzt, am Ende des 20. Jahrhunderts, nachdem der Kommunismus zu Fall gebracht worden ist, haben wir die wohl einmalige Chance, eine neue, gerechtere und den ganzen Erdball umspannende Ordnung aufzubauen. Vielleicht kann mit dem Anbruch des neuen Jahrtausends für das Europa, in dem furchtbare Kriege tiefe Wunden geschlagen haben, ein Zeitalter des Friedens eingeläutet werden. Es ist die Pflicht der Medien, allen bewusst zu machen, dass jeder für sich Einfluss darauf nehmen kann, ob eine solche Entwicklung eingeleitet wird. Natürlich kommt es dabei vor allem auf die heranwachsende Generation an, denn die Jugendlichen sind es, die die künftige Form unserer Zivilisation gestalten werden.
JAN PIEK£O