Hallo Michael,
Wenn Du mich fragst, was mich am meisten interessiert und was ich dringend ändern möchte, habe ich eine kurze Antwort: Ich möchte die Mentalität, die Denkweise der Menschen ändern. Mir kommt es dabei darauf an, einen Zustand herbeizuführen, dass Menschen friedlich, ohne Blutvergießen ihre Konflikte lösen, und dass Hautfarbe, Konfession oder politische Anschauungen nie Vorwand sein dürfen, andere zu töten, bzw. Völkermord zu rechtfertigen.

Der Mensch, die höchste Entwicklungsstufe in der Natur, handelt nach den "Gesetzen des Dschungels" - ist das nicht ein Witz? Es gab schon immer den Drang im Menschen, anderen seine Macht aufzuzwingen. Im 20. Jahrhundert folgten die Diktatoren diesem Drang mit dem Ziel, eine Rasse über die anderen zu setzen. Adolf Hitler überzog Europa mit Krieg und beharrte auf der These, die nordische Rasse sei allen anderen überlegen und müsse herrschen. Bald fand er eine große Schar Anhänger, die bereit waren, sich am Werk der Vernichtung zu beteiligen. In den KZs starben Europäer massenhaft dahin infolge unmenschlicher Lebensbedingungen und an den Folgen von Sklavenarbeit, Hunger und Folter, oft aber einfach umgebracht oder in den Tod geprügelt. Der Nazismus wandte sich mit seiner ganzen verbrechnerischen Wucht gegen Kinder und Jugendliche, die seit jeher das größte Kapital der Gesellschaft waren. In Polen wurden 2.226.000 Kinder ermodert, darunter vor allem Zigeuner und Juden.
Kinder, die ihrer Rasse wegen für minderwertig befunden wurden und nicht der Germanisierung zugeführt werden konnten, verschickte man in besonders dazu eingerichtete Lager. Es waren die größten Vernichtungslager in dem besetzten Polen, Auschwitz, Majdanek, Treblinka, Sobibor und Be³¿ec, die für die Kinder Endstation waren. Minderjährige wurden in schlimme Gefängnisse gebracht, um nur Pawiak, Montelupich, Rotunde in Zamo¶æ und das Lubliner Schloss zu nennen. Die Schergen gingen mit Kindern wie mit Erwachsenen um, die Kinder wurden gefoltert, vergast und verbrannt. Kein anderes Lager war so groß wie Auschwitz. Ursprünglich für 30.000 Häftlinge angelegt, wurde es bald ausgebaut.
Ich beschreibe Dir kurz, was in so einer Todesfabrik los war. Zahlreiche Opfer, die schnell gestorben sind, konnten sich glücklich nennen. Diejenigen, die nicht gleich in die Gasammer gelangten, hatten solches Leiden und solche Erniedrigung zu ertragen, dass man sich das kaum vorstellen kann: Hungertod, Kannibalismus, täglichen Appell, medizinische Experimente, u.a. Amputationen, Sterilisierung und Einimpfung von Viren. Zum Alltag gehörten Verhöhnung jeglicher Religion, pervers inszenierte Hinrichtungen...
Am Tag der Befreiung (27.01.1945) fanden die Rotarmisten nur noch 7.500 Häftlinge im Lager vor, darunter 90 Zwillingspaare. Das KZ Auschwitz wurde von den besten Architekten wie eine Fabrik entworfen. Im Büro des Lagerkommandanten Hoess fand man eine Graphik mit der Leistungskurve vor, die über das Endprodukt in den einzelnen Sparten informierte. Das synthetische Benzin wurde außerhalb des Lagers in Chemiewerken produziert. Das Lager selbst lieferte ins Reich Gold, Tonnen Düngemittel, die aus Knochenmehl hergestellt wurden, Seife, optische Linsen, die aus Verwertung von Brillen gewonnen wurden, sowie Altstoffe aus Prothesen und künstlichen Gliedmaßen.
Die Nazis setzten sich das Ziel, die Völker Europas zu vernichten oder zu unterjochen und ihre Herrschaft über den ganzen Kontinent auszudehnen. Der neu gewonnene Lebensraum sollte dem deutschen Volk eine freie Entwicklung ermöglichen. Jeglicher Widerstand wurde rücksichtslos gebrochen, die Nazis setzten praktisch die Parole um: "Ein Volk lässt sich auf das Niveau der Sklaven nur dann abdrängen, wenn seine führende Schicht liquidiert worden ist."
Nach diesen Plänen sollen die ins Reich eingegliederten Gebiete innerhalb von zehn Jahren vollständig germanisiert und von Deutschen kolonisiert werden, und zwar sowohl von den Reichsdeutschen als auch von der deutschstämmigen Bevölkerung des Baltikums und Russlands. Auf ihrem Eroberungszug raubten die Deutschen Kulturgut und Staatseigentum, vieles fiel dabei der Zerstörung zum Opfer. Die von den Nazis geplante Neuordnung in der Völkerpolitik umfasste auch einen rücksichtslosen Kampf gegen die katholische und die orthodoxe Kirche. Nicht einmal die protestantische Kirche wurde verschont.
Die Sowjetunion trieb ebenfalls Völkermord. Der Plan, Polen von der Landkarte Europas auszulöschen, war ein gemeinsames deutsch-sowjetisches Werk. Der NKWD überbot an Grausamkeit noch die Gestapo. Die Sowjets hatten im praktischen Terror einfach viel mehr Erfahrung. Auch sie haben, wie später die Deutschen, die Bevölkerung in Klassen eingeteilt, um das Land von bestimmten Klassen zu säubern. Nach einem Verhör wurden vom NKWD Urteile gefällt und völlig unschuldige Menschen wurden hingerichtet oder in abgelegene Gebiete in die Gulags verschleppt und/oder zu Zwangsarbeit verdonnert. Die Menschen wurden so in Viehwaggons zusammengepfercht, dass sie nur stehen konnten, und mitten im strengen russischen Winter über Tausende von Kilometern transportiert. Unterwegs kam es vor, dass Menschen den Verstand verloren, sich furchtbare Erfrierungen geholt haben, Hungertod gestorben sind, ihre eigenen Kinder vor Verzweiflung getötet haben; auch Kannibalismus kam vor. Diejenigen, die den Bahntransport überlebt hatten, stiegen auf LKWs oder auf Kähne um, um unter Deck in großer Enge weiter in die entlegendsten Ecken des Landes befördert zu werden. Die Sterblichkeitsquote unterwegs war sehr hoch. Als 1941 eine Amnestie verkündet wurde, war die Hälfte der anderthalb Millionen verschleppter Polen tot. Unter den Opfern gab es ca. 100.000 polnische Juden. Es wird nie möglich sein, genaue Zahlen zu ermitteln.

Die Zahlen sind auch nicht so wichtig wie die Tatsache, dass Menschen anderen Menschen ein solches Schicksal bereitet haben. Die Zahlen geben lediglich eine Vorstellung vom Ausmaß dieser Tragödie. Mich nervt die Bezeichnung "ungefähr", denn dahinter sind konkrete Menschen zu vermuten, vielleicht Deine Großeltern, Deine Nächsten, die leben und lieben wollten. Es gibt zahlreiche Berichte und Belege, die das Leid derjenigen bezeugen, die ums Leben gebracht wurden oder diese Hölle überlebten. Das Brandmal des Krieges tragen diese Menschen in sich bis heute. Man war des Glaubens, dass nach Hitler und Stalin niemand mehr die Praxis der ethnischen Säuberungen aufgreift und der Albtraum der KZs ein für allemal einen Rückfall verhindert. Es kam leider anders. Der Balkankrieg erinnert fatal an vergangene Zeiten. Der Kommunismus und der Nationalismus sind gar nicht passee. Die extremen Auswüchse des Nationalismus - Rassismus und Chauvinismus - verhallten gar nicht, man kommt jetzt damit auf die patriotische Tour.
Bestimmt bist auch Du auf dem laufenden mit der Entwicklung in Jugoslawien und machst Dir Gedanken darüber, wohin hat sich dort die Menschenwürde verflüchtigt, was sind Gesetz, Deklarationen und internationale Abkommen wert. Du bist zwar einer von den politisch wenig interessierten Grünen, aber angesichts der Lage auf dem Balkan kann man sich doch Gleichgültigkeit und Desinteresse gar nicht leisten. Wir Polen sind da in keiner Weise bedroht, nicht anders dachten sich aber vor kurzem noch die Bürger Jugoslawiens. Was denkt sich die Jugend, die mit ansieht, wie Hass und Aggression mit den Erwachsenen durchgehen? Wahrscheinlich gleicht sie sich an, denn was hätte sie sonst für Vorbilder? Die Jugend heute ist keine homogene Altersgruppe, man kann nicht von der Jugend schlechthin sprechen. Dies tun manchmal ältere Menschen, um Pauschalurteile zu fällen vom Typ: schlecht erzogen, längst nicht so gut wie früher.
Das entspricht aber nicht der Wahrheit. Sicher ist die Jugend heute anders als die Elterngeneration, nicht aber schlechter. Es ist eine seit Jahrhunderten herumgeisternde Meinung, dass jede nächste Generation schlechter sei als die vorausgegangene. Heute haben die jungen Menschen in der Familie mehr zu sagen, können über ihren Lebensweg selbst entscheiden, sind selbstbewusster, und die Eltern lassen es gelten. Es kommt vor, dass der Beruf die Eltern dermaßen in Anspruch nimmt, dass sie immer weniger Zeit ihren Kindern widmen können, folglich verbringen die Kinder mehr Zeit unter Gleichaltrigen, an den Schulen, im Internat oder anderswo. Kinder, die in dieser "nicht-familiären" Umgebung aufwachsen, sind Produkt der Massenkultur, beeinflusst durch Fernsehen und Internet. Die Entwicklung der Technik bewirkt, dass der geistige Abstand zwischen den Generationen schneller wächst als in der Vergangenheit. Immer früher kommen die ersten sexuellen Kontakte zustande und Sex wird rein instrumental verstanden. Ich sehe in meiner Umgebung, wie nachteilig diese Entwicklung ist. Ich bin gespannt, Micha³, ob Du ähnliche Erfahrungen gemacht hast.
Die Erziehung ist in erster Linie Sache des Elternhauses. Leider weisen viele Familien pathologische Züge auf. Wenn die Eltern Alkoholiker oder gar Verbrecher sind, erleben die Kinder in der Familie oft Prügeleien und andere Gewalttaten, denen sie manchmal selbst zum Opfer fallen.
Ein so verbogenes Kind wird diese Erfahrung nicht los, trägt sie in die Schule mit und steckt seine Freunde damit an und so verbreitet sich das Böse.
Wenn ein Mensch aus seinem Familienhaus nur solche Erfahrungen mitbringt, und selbst verbittert, hasserfüllt und misstrauisch gegenüber allen ist, hat er auch eine verzerrte Wertehierarchie. Ein solcher Mensch braucht viel Zuneigung und Entgegenkommen seitens der Mitmenschen, soll seine Psyche wieder ins Lot gebracht werden. Es ist immer wichtig, junge Menschen spüren zu lassen, dass sie uns wichtig sind.
Dabei ist es bezeichnend, dass Menschen, die aggressives Verhalten an den Tag legen, sich in der Regel schwächer als ihre Opfer erweisen. Die Angst und fehlender Mut, sich den Erwartungen der Eltern bzw. der Lehrer gewachsen zu zeigen, bricht in einer Rebellion gegen alle aus. Man sucht dann seinesgleichen, weil man sich allein zu unsicher fühlt. So entstehen diverse Randgruppen.
Wenn sich jemand weigert, zusammenzuarbeiten, dann kann man ihm auch nicht helfen. Will man solcher Jugend helfen, muss man ihr die Perspektive eröffnen, eigenen Interessen nachgehen zu können und Orte schaffen, an denen ein vielfältiges Freizeitangebot jeden zufrieden stellen kann. Es kann Hilfe an andere sein, an Behinderte oder ältere Menschen, die stark engagiert. Ein Jugendlicher fühlt sich dann schnell unentbehrlich und aufgewertet. Die Medien müssen allerdings von Gewalt gesäubert werden. Viel zu oft strahlt das Fernsehen Filme aus, die geradezu eine Anleitung zum Verbrechen enthalten und zeigen, wie man dann dem Zugriff der Gerechtigkeit entgehen kann. Die Eltern müssen da viel stärker mitmachen, auch die Schulen, damit die Jugendlichen begreifen, dass eine böse Tat immer bestraft wird.
Wir übernehmen viel zu oft ausländische Vorbilder, ohne über ihren Wertegehalt nachzudenken. Frei sein bedeutet nicht, das Gesetzt übertreten und anderen Schaden zufügen zu dürfen.
Die Jugend soll auch mit gleichaltrigen aus anderen Ländern zusammengeführt werden und kooperieren. Sie muss deutlich kenntlich machen, dass sie gewillt ist, sich der Welle der Gewalt zu widersetzen.
Jetzt bin ich am Ende meiner Ausführungen. Was hältst Du eigentlich von Uraschen und Folgen der Aggression? Hättest Du vielleicht eine Idee, wie man ihr entgegenwirken kann?
Mit lieben Grüßen
Deine Agata