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tipWeißt Du, dass ...






Lieber Martin,

ich war gerade im Zentrum meiner geliebten Stadt. Um mich herum sah ich wie immer bunte Straßenzüge, gut versorgte Läden, kleine Cafés voller Jugend, die auf den ersten Blick einen heiteren, und sorglosen Eindruck macht. Ich bin froh, in einer wohlgeordneten Welt zu leben und die Sorgen zunächst die Eltern "entsorgen" zu lassen.

Józef Szajna, Replik I
Dennoch überkommen mich oft Zweifel, warum ich in einer ruhigen und geordneten Welt leben kann, während andere durch heulende Sirenen, durch immer wieder aufflammende Schießerei der Ruhe beraubt werden und in Schutzkellern schlafen müssen. Warum birgt unsere Welt, die zu einem globalen Dorf zusammengeschrumpft ist, solche Widersprüche in sich? Warum haben die einen ein ruhiges, sorgloses und fröhliches Leben, und warum sind die anderen einer düsteren und leidvollen Realität ausgeliefert? Warum gab es KZs, warum gab es Auschwitz, Kolyma und jetzt das Kosovo?

***

Seltsam die heutige Welt. Wir erleben einen ungeahnten Fortschritt in Wissenschaft und Technik. Wir entdecken immer neue Formen des Lebens, und dies nicht nur auf unserem Planeten. Alles wird einfacher, angenehmer, müheloser...

Die heutige Welt hat aber auch ein anderes Gesicht. Es gibt große und kleine Tragödien. Aggression, Diskriminierung und Hass greifen um sich. Es brechen neue Kriege aus, auf den Anlass kommt es nicht so sehr an: sei es Religion, Rasse, oder ethnische Probleme...

Fast jeden Tag bringen die Nachrichten im Fernsehen neue Meldungen und Bilder von explodierenden Bomben, die von Terroristen gelegt wurden, von Entführungen, von Grab- bzw. Denkmalschändungen. Uns wird das Drama Tausender von Flüchtlingen vor die Augen geführt, von Menschen, die ganz plötzlich ihrer Häuser, ihrer Heimat und ihrer Würde beraubt werden. Wir sind Zeugen von Luftangriffen, von Massakern an schuldloser Bevölkerung und von grauenhafter Zerstörung.

Von dieser Warte aus erscheint die Welt nicht so reizvoll. Die brutalen Akte der Zerstörung wurden durch Ideologien angeregt, die eine Gruppe von Menschen über die andere setzen. So ist es auf dem Balkan, im Nahen Osten, in Afrika, in Nordirland und in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Es handelt sich also sowohl um nahe gelegene Länder als auch um die fernsten Teile der Welt.

Die heutige Welt hat zwei Gesichter: sie ist ein gemütliches Zimmer mit Fernseher, der uns Ausblick in alle Teile der Erde gewährt, sie ist die kuschelige Geborgenheit des Zuhause, sie ist aber auch Bombenhagel, Schießerei, ethnische Säuberungen, zunehmender Hunger, überfüllte Flüchtlingslager und Elend...

Es bringt nichts, diese Dinge von uns abprallen zu lassen, weil sie sich in weiter Ferne abspielen, und mit der Entfernung die eigene Gleichgültigkeit zu entschuldigen. Worauf es ankommt sind die Fragen: Wo hat das Böse seinen Ursprung? Warum Auschwitz, warum ...?

***

Ich will mich nicht auf komplizierte Analysen der Kräfteverhältnisse in der Welt einlassen und abwägen, wo gemeinsame und wo widersprüchliche Interessen der Supermächte auf der internationalen Bühne zum Tragen kommen. Ich weiß ganz einfach zu wenig darüber. Schauen wir uns aber einmal das nächste Umfeld an: die Schule, die Straße, das Milieu. Vielleicht ist es die Ebene, auf der Ansätze künftiger großer Konflikte keimen, die sich dann zu Kriegen, Gewalttätigkeit und menschlichen Tragödien auswachsen. Vielleicht ist uns das gar nicht bewusst; gut möglich aber, dass es uns passt, auf höher gelegenen Etagen nach Ursachen zu forschen, weil wir dann uns selber ausklammern und keiner Unannehmlichkeit auszusetzen brauchen. Ich glaube, diese Fragestellung ist das Nachdenkens wert.

STEREOTYPE, VOREINGENOMMENHEITEN und MYTHEN liefern uns ein einfaches Bild von Menschen, von Gesellschaften und von ganzen Völkern. Die Psychologen bezeichnen als Stereotyp feste Vorstellungsklischees von einer Menschengruppe, die durch ihre pauschale Geltung auf alle Mitglieder der Gruppe bezogen werden. Prof. Czapiñski sagt dazu:


Stereotype und Vorurteile stellen ein weites Feld für Manipulationen dar.
Ist man einmal voreingenommen, blickt man über Fakten hinweg.
Es kommt dann bei den Interpretatoren ausschließlich auf ihren
guten Willen oder auf sein Fehlen an. Die Vorurteile haben
Eigendynamik, sie sind ein perpetuum mobile.

Ein Stereotyp liefert uns ein verzerrtes Bild der Mitmenschen und hält sich zäh oft über Jahrhunderte. Mythen können nur auf Unwissen gedeihen, und werden sie dauernd wiederholt, so werden sie für viele mit der Zeit für Wahrheit gehalten.

Machen wir uns nichts vor, was hält man so von einem Zigeuner, auch wenn wir ihn Rom nennen, was von Rumänen, von Russen, Ukrainern, Serben, Albanern, Tschechen, Deutschen, von Arabern oder Juden, von Schwarzen oder Asiaten, also von Menschen, die anders sind als wir. Ein Vorurteil ebnet den Weg zu Konflikten, Streitigkeiten bzw., gar Pogromen. Es reicht oft ein Funke, eine unüberprüfte Behauptung, um den Zündstoff des Hasses zur Explosion zu bringen.

Józef Szajna, Spuren
Wir Polen berufen uns so gern auf unsere Gastfreundlichkeit und Toleranz und haben gleich Beispiele aus unserer Geschichte zur Hand: es wird auf die Toleranz gegen die Arianer und auf die jahrhundertlange Koexistenz mit den Juden und Litauern verwiesen. Wir reagieren allergisch gegen Pauschalurteile vom Typ: Alle Polen saufen, sind Antisemiten und stehlen in deutschen Kaufhäusern. Wir fühlen uns durch die bekannten "Polish jokes" gekränkt und in unserem Nationalstolz verletzt. Wir ärgern uns aber zugleich über die Ausländer in Polen, wir sagen ihnen Diebstahl und illegalen Handel auf den Kopf zu und beschuldigen sie aller bösen Taten. Wie entstehen die Klischees, die von der heranwachsenden Generation übernommen werden?

Fast jedes Volk hat seinen Feind, der für alle Misserfolge herhalten muss. Es ist ein Kinderspiel, ganze Völker gegeneinander aufzuhetzen und Zwist zu säen, um derweil sein Schäfchen ins Trockne zu bringen. Es ist denkbar einfach, einen Konflikt herbeizuführen. Einmal angezettelt, wächst er sich dann schon von selbst aus, es folgen fast automatisch Säuberungen, Konzentrationslager, Vertreibungen, ein Auschwitz, ein Kolyma und das heutige Kosovo.

Aus welcher Wurzel entspringt das Böse? Wie ist ihm abzuhelfen?

Nach meiner Ansicht ist die wichtigste Ursache darin zu sehen, dass man einander nicht kennt und nichts über andere Kulturen weiß. Es kostet keine Mühe, die Meinung über andere zu übernehmen. Ein aufgeschnappter Witz, ein vorschnelles Urteil, dass die da Diebe, dass sie schmutzig, faul und aggressiv seien, frisst sich leicht fest.

Man muss alles dran setzen, dass man sich gegenseitig besser kennt. Das braucht Zeit und ist nicht einfach. Wir trennen uns nicht gern von eingeschliffenen Vorurteilen und Klischees, zumal wenn die Mühen des Alltags dem entgegenwirken. Wir müssen mit uns selbst ringen und historische Fakten zur Kenntnis nehmen, statt Märchen nachzuhängen. Eine besondere Rolle fällt dabei der Schule zu. Große Verdienste um die Verständigung haben sich verschiedene Organisationen in freier Trägerschaft, verschiedene Stiftungen und Jugendgruppen erworben. Es ist aber noch eine ganze Menge zu tun.

Sinnvoll sind Begegnungen von Kindern und Jugendlichen, an denen sich Vertreter verschiedener - reicher und armer - Länder beteiligen. Es können Tagungen und Seminare sein, oder Schüleraustausch und gezielter Schulunterricht, die zur Verständigung einen wichtigen Beitrag leisten.

Wenn wir an eine moderne Gesellschaft denken und wenn wir sie wollen, muss eine möglichst breite Kontaktebene für junge Menschen geschaffen werden, damit sie sich kennen lernen. Jeder Pfennig, der in diese Initiative gesteckt wird, bringt einen vielfachen Gewinn.. So werden Vorurteile und Klischees abgebaut und die Denkweise der Jugendlichen verändert. Sie sind es, die die Zukunft gestalten werden.

Wir sollen uns nicht fürchten, anderen unvoreingenommen gegenüberzutreten, und ihre uns nicht vertrauten Ansichten und Haltungen näher zu besehen. Die Welt ist deshalb so bunt, weil jeder von uns anders ist.

Du fragst Dich vielleicht schon, wo da der Zusammenhang mit Auschwitz und Kolyma ist?

Ich glaube, es waren Vorurteile und Klischees, die von Politikern zu ihren dunklen Zwecken missbraucht worden sind. Auf Vorurteilen bauten Ideologien auf, die ganze Völker mitgerissen haben. Den Menschen wurden andere Menschen als Sündenböcke und Urheber allen Unglücks vorgeschoben. Dann konnten jene anderen in Gettos eingesperrt und in KZs ermordet werden. Da sehe ich den Ursprung von Auschwitz, von Kolyma und dem heutigen Kosovo. Kannst Du meinen Standpunkt nachvollziehen? Ich bin gespannt auf Deine Meinung dazu.


Mit vielen Grüßen                                      

Deine Maria                                              





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