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tipWeißt Du, dass ...






Liebe Johanna!

Ich wollte gerade nach der Fernbedienung greifen, um den Fernseher einzuschalten, als ich merkte, dass ich Angst davor habe. Wir Normalverbraucher, die wir uns abends in den Sessel kuscheln, die Füßen in warme Pantoffeln gesteckt, erfahren wieder etwas über den Fortgang des Krieges im Kosovo. Wir kriegen es mathematisch exakt gesagt, wie viele Opfer es gab.

Glaubst Du nicht auch, dass die statistischen Angaben recht wenig von der Wahrheit vermitteln? Ich weiß selbst nicht, was ich davon zu halten habe. Ist eine knappe Information nicht mehr als eine Datenangabe? Hinter den Zahlen stecken doch immer menschliche Schicksale und Tragödien. Wieder einmal wurde die Würde eines Menschen vom Hass und Nationalismus mit Füßen getreten. Ist denn menschliches Leid überhaupt messbar?

Józef Szajna, Fratzen
Wie viele andere Menschen gewöhnte auch ich mich mittlerweile an die Berichte über Luftangriffe, über Massaker, Vertreibungen und über Morde... Man verfällt fast schon der Routine. Seltsam, dass man die Existenz eines Menschen routinemäßig betrachten kann. In unserer hektischen Zivilisation gibt es keinen Raum mehr für Nachdenken und Mitleid. Deshalb zögere ich immer, wenn ich die Tagesschau einschalten soll. Ich bin angesichts von so viel Leid hilflos. Die emotionale Aufwallung der ersten Tage ebbte rasch ab. Das spontane Mitgefühl mit den Opfern versandete im Alltag. Ich fürchte, die Entdeckung des nächsten Massengrabes wird um so geringeres Echo in der Welt finden, je häufiger man darüber spricht.

Es widert mich an, dass der Westen der zunehmenden Barbarei tatenlos begegnete. Ich weiß nicht mehr, ob der Westen sich zum Hüter der Menschenrechte erheben darf, wenn er duldet, dass unschuldiges Blut vergossen wird. Ich hatte immer Angst vor Gewalt und war bemüht, Gewalt wenigsten so zu bekämpfen, dass ich mit meiner Meinung darüber nicht hinter dem Berge hielt. Nie wäre mir eingefallen, dass ich an der Jahrhundertwende mit einem neuen Auschwitz konfrontiert werde, und zwar in der Realität, nicht als Lesestoff. Der Kosovo-Krieg geht mir sehr nahe, wie wenn ich selbst darunter zu leiden hätte.

Ich erinnere mich noch ganz genau, wann ich in der Grundschule im Unterricht zum ersten Mal über die Konzentrationslager erfuhr. Ich muss noch sehr unreif gewesen sein, denn diese Auskunft berührte mich damals wenig. Das Problem selbst verschwand allerdings nicht ganz von der Bildfläche, sondern kehrte in einem weiten Kreis in der Oberschule noch einmal wieder und packte mich. Dieses Mal ergriff es mich stark, vermutlich deshalb, weil ich mir mittlerweile der Existenz des Bösen in der Welt viel bewusster war. Es ist schwer vorstellbar, dass sich in einer nicht fernen Vergangenheit Dinge abgespielt haben, die das Fassungsvermögen eines Gewissens weit übersteigen. Ich machte mir Vorwürfe, dass ich bisher in meiner eigenen Welt eingeschlossen lebte, völlig uninteressiert an tragischen Schicksalen anderer Menschen. Mir ging auf, dass der Holocaust nicht vergessen werden darf. Als die Deutschen unser Land Polen besetzt hatten, konnte sich keiner vorstellen, welch blutige Spur sie durchs Land ziehen werden. Es fing ja alles relativ harmlos an: die Juden sollten zur besonderen Kennzeichnung Davidsterne tragen. Dann folgten Aussiedlungen, Beschlagnahme des Vermögens bis hin zur Schaffung von Gettos und zur "Endlösung".

Auch polnische Bürger wurden hingemordet. Nicht sie bildeten aber die Mehrheit jener, die aus den Abgründen des Krematoriums gen Himmel um Rache gerufen haben. Nicht ihre veräscherten Leichen wurden über die Felder Birkenaus verstreut. Die Polen brauchte Hitler als Arbeitskräfte, die beim Ausbau des nazistischen Imperiums einzusetzen war. Nur wenige wissen, dass in dem Vorkriegspolen ca. drei Millionen Juden unter uns lebten, und nur wenige machen sich darüber Gedanken, was mit diesen Juden geschehen ist. Sie leisteten doch ihren Beitrag zur polnischen Kultur, sie schlugen Wurzeln in unserem Land und - was wohl der springende Punkt ist - sie hielten sich für Polen. Sie waren mit unserem Land verwachsen und liebten es. Glaubst Du, das zählt nicht mehr?

Józef Szajna, Reminiszenzen
Niemand darf am Tod von Millionen Menschen gleichgültig vorbeigehen, der auf Befehl eines wahnsinnigen, von diversen Komplexen geplagten Verrückten von überdimensionalem Ehrgeiz geschehen ist. Autoritäre Neigungen haben nie im Kraftgefühl ihren Ursprung, sondern stets in Hilflosigkeit, in Erniedrigung und in dem Willen, diese Mängel zu kompensieren. So weit ich weiß, war das Leben des jungen Hitler nicht gerade eine Glückssträhne und Deutschland damals war für einfache, scheinbar klare Lösungen sehr anfällig.

Heute verstehe ich in viel höherem Maße, was Genozid, was Krematorien waren. In dem KZ Auschwitz wurden die Angekommenen auch bei Frost auf der Selektionsrampe sofort in zwei Gruppen aufgeteilt: die eine wurde ins Lager, die andere ins Krematorium - also in den Tod geschickt. Es gab dort auch kleine Kinder, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen und dennoch gleich getötet wurden. Es kam vor, dass sie von ihren Müttern verleugnet wurden, weil die Mütter glaubten, so ihr eigenes Leben retten zu können. Können wir denn heute überhaupt noch begreifen, wie groß die Verzweiflung war, wie tief der Fall des Menschen?

Wenn ich an unsere Medien denke oder an den Schulunterricht, so muss ich feststellen, dass man leider viel zu wenig Aufmerksamkeit dem Leid stalinistischer Opfer, den Gulag-Häftlingen schenkt. Kein Mensch im zivilisierten Europa konnte sich vorstellen, was für eine makabre Einrichtung die Gulags waren, Todeslager bereits zu Lebzeiten der Häftlinge, in denen sie nicht nur physisch, sondern auch psychisch niedergetreten wurden und bis aufs letzte ihres Selbstbewusstseins und ihrer Wertehierarchie beraubt wurden. Jene, die es irgendwie eine Zeit lang überlebten, fingen an, an ihre vorgebliche Schuld zu glauben. Der NKWD setzte sich zum Ziel, das Geistige im Menschen völlig auszulöschen.

Bis vor kurzem war man sich des Ausmaßes der sowjetischen Greueltaten nicht bewusst. In der stalinistischen Sowjetunion scherte sich niemand um das Haager Abkommen, das in den deutschen Kriegsgefangenenlagern wenigstens halbwegs respektiert wurde. In den Massengräbern von Katyñ fanden ihren Tod mindestens fünftausend polnische Offiziere, alles Patrioten und Menschen mit Bildung, einzeln ermordet von den NKWD-Leuten. In Sibirien, im Archipel Gulag kamen Abertausende von Polen, Russen und Ukrainern um. Diese Menschen arbeiteten dort unter unmenschlichen Bedingungen, die Quecksilbersäule fiel im Winter nicht selten bis auf -40°. Sie hatten selbstverständlich keine warme Kleidung, keine auch nur annähernd ausreichende Verpflegung, keine ärztliche Betreuung - an Hygiene war gar nicht zu denken. Krankheiten und der Tod dezimierten die Leute. Die Lagerwelt war gut bewacht, und innerhalb dieser Grenzen grassierte der Tod ungehindert. Mein Gott, wie konntest Du so etwas zulassen? Wie konntest Du Menschen auf eine solche Probe stellen? Warum war das nötig?

Professor Leszek Ko³akowski sagte einmal, dass sich im Grunde genommen beide totalitäre Systeme unseres Jahrhunderts sehr ähnlich gewesen seien, mit dem Unterschied, dass der "Kommunismus als ein völlig entarteter Zweig der Aufklärung" und der Nazismus als "ein grausam verunstalteter Bankert der Romantik" anzusehen seien. Der Kommunismus trieb den Menschen in einen Wahn, in dem er Einbildung und Realität nicht mehr voneinander unterscheiden konnte. Ein noch schlimmeres Schicksal erlitten jene, denen der Star gestochen wurde. Es war ein böses Erwachen. Der Kommunismus zerstörte die Denkkraft und bemächtigte sich ganz der Emotionen, daher finde ich ihn schlimmer als den Nazismus. Warum wurde dafür bisher niemand bestraft? Eine verblüffende Frage.

Die Grausamkeit der Gulags fand mit dem Kriegsende noch lange kein Ende, und die restliche Welt schwieg dazu. Die Jalta-Ordnung zerschnitt Europa in zwei Teile, zwischen die ein Eiserner Vorhang gezogen wurde. Der Westen stellte sich unwissend, er wollte sich mit Stalin gut stehen. Niemand wollte einen neuen Krieg.

Jetzt nach dem Fall der Berliner Mauer fing es an, in dem Balkan zu brodeln. Die alten schwelenden Konflikte schossen in Stichflammen hoch. Die europäische Öffentlichkeit gewöhnte sich nach und nach an die täglichen Meldungen aus dieser Region. Und ich kann es mir nicht erklären, warum das möglich ist. Johanna, bedrängt Dich nicht auch diese Frage? Wieso sind brutale ethnische Säuberungen zum Ausgang eines Jahrhunderts möglich, in dem die zivilisatorische Entwicklung die tollsten Technologien und Wohlstand gebracht haben. Warum war es unter Einsatz der modernsten Technik nicht möglich, jene zu retten, die jetzt im Kosovo in Massengräbern ruhen. Slobodan Miloszeviè ist nach wie vor stark und pfeift auf das Urteil des Haager Tribunals. Die Welt hat in ihm einen Gesprächspartner und verhandelt tatsächlich mit diesem Ungeheuer. Was für einen Sinn hatte denn der militärische Eingriff überhaupt? Warum wurde dieser Krieg begonnen?

In der Welt gibt es viele ethnische Konflikte. Es betrifft die Kurden, das von China besetzte Tibet und viele afrikanische Staaten. Auch zeichnet sich in dem israelisch-palästinensischen Konflikt kein Frieden ab.

Weißt Du, Johanna, ich komme schon manchmal nicht mehr nach, alle Grausamkeiten der Welt zu verarbeiten. Ich möchte diese Welt einmal "stoppen und aussteigen können", so wie es unsere Liedersängerin Anna Jopek singt. Vielleicht möchte ich aber lieber die Welt verändern. Glaubst Du, wir hätten da überhaupt eine Chance? Mir ist die Fragestellung: "Warum Auschwitz? Warum Kolyma? Warum Kosovo" inzwischen schon leid.


Viele Grüße!                            

Deine Magdalena                      





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