Liebe Veronika,
ich hoffe, ich kann mir heute die Einleitung sparen. Mir ist nicht danach, Floskeln zu verspritzen, höflich nach dem Wohlbefinden aller Mitglieder Deiner zahlreichen Familie zu fragen, und ich bestehe nicht darauf zu erfahren, welches Wetter ihr in Krakau habt. Ich kann mir ja schließlich abends die Wetterkarte im Fernsehen ansehen. Ich wollte Dir etwas erzählen.

Vor ein paar Tagen hatte ich einen seltsamen Traum. Ich ging eine breite Allee entlang, die gar kein Ende hatte. Auf beiden Seiten der Allee standen Figuren ... sie sahen wie Denkmäler aus. Du weißt, dass ich weder von der Architektur noch von der Kunst viel verstehe, ordne Dir also selbst diese Figuren ein. Sie waren unterschiedlich groß und vielfältig in der Form. Etwas war seltsam an ihnen. Als ich an diesen Figuren vorbeiging, merkte ich, dass die nächsten jünger und jünger wirkten, je weiter ich vorankam. Die ganz vorne waren frisch gemacht. Auf allen gab es Inschriften, die wollte ich lesen. In einigen Fällen gelang mir dies auch. Es stand dort u.a. AUSCHWITZ, dann später KOLYMA und auf der wohl neuesten Figur KOSOVO. Die letzte Figur vorne hatte keine Inschrift.
Ich stand regungslos da und sah die glatte noch nicht beschrieben Fläche der Steinplatte an. Plötzlich merkte ich, dass mir jemand einen Meißel in die Hand drückte. Ich drehte mich um und erblickte eine ältere Frau, die mich anlächelte.
- Wer sind Sie? - fragte ich sie.
Lächelnd beugte sie sich zu mir, und ich konnte an ihren Augen die Antwort ablesen:
- Geschichte war ihr Name.
Du wirst Dir schon denken, dass ich in dem Augenblick erwacht bin. So war es auch. Am nächsten Tag rannte ich gleich nach der Schule in die Bibliothek und zwar nicht wegen eines Traumbuches. Ich wollte etwas mehr über diese seltsamen Namen erfahren. Die Bezeichnung Auschwitz sagte mir nicht viel, nur das Übliche, was man dazu zu sagen weiß; eines der KZs, die die Deutschen im Zweiten Weltkrieg auf polnischem Gebiet gebaut haben. Zu Kolyma fiel mir rein gar nichts ein bis auf den Blitzgedanken - ein Fluss in Asien, das machte aber keinen Sinn. Was das Kosovo betrifft, so waren die Medien seit Wochen voll davon. Ich zeigte mich bisher nicht sonderlich daran interessiert, aber man konnte sich vor den Presseberichten und Fernsehbildern nicht retten, einiges kriegte ich mit. Ich schleppte gleich ein paar Bücher mit nach Hause und nahm mir vor, die Nachrichten über den Balkan aufmerksamer zu verfolgen. Ich gucke mir jetzt wirklich genau die Tageschau an und bemühe mich sogar zum Zeitungskiosk morgens. Bald wusste ich eine ganze Menge über Auschwitz, das größte Konzentrationslager, das in Südpolen angelegt wurde. Ein Ort der Massenvernichtung im Zweiten Weltkrieg, in dem vor allem die Juden umgebracht wurden. Sie hat man größtenteils gleich nach der Ankunft vergast. Die anderen wurden ins Lager geleitet, wo es viele andere Häftlinge gab, auch Polen, die zumeist aus politischen Gründen dorthin verschleppt wurden. Es gab dort aber auch Intellektuelle, Mitglieder konspirativer Organisationen, sowjetische Kriegsgefangene und Zigeuner. Das Lager fasste 400 Tausend Häftlinge, und dieser Stand hielt sich, obwohl immer neue hinzukamen. Die unmenschlichen Lebensbedingungen, unter denen die Häftlinge lebten und arbeiteten, sowie die ausgesprochen grausame Behandlung durch die Nazischergen sorgten für eine unheimlich hohe Sterblichkeitsquote. Bald wurden an den Häftlingen auch medizinische Experimente durchgeführt.
Ich möchte Dir einen Satz zitieren, der sich zwar auf die sowjetischen Lager bezieht, gleich gut aber auch auf Auschwitz zutrifft: "Das Lager beraubte Millionen Opfer des Vorrechts, einzeln, für sich, nicht anonym, zu sterben sowie des Wunsches, den wohl jeder Mensch unterbewusst hegt - nach dem Tod in Erinnerung der Mitmenschen weiter zu leben." Der zitierte Satz entstammt dem Buch von Herling-Grudziñski "Inny ¶wiat" ("Eine andere Welt"). Unter dem Wort Kolyma verbirgt sich ein Netz von Gulags in Ostsibirien, das nach dem nahe vorbeifließenden Fluss benannt wurde. Nach Auschwitz kam man auch ohne einen besonderen Grund. Das Lager hatte eine wichtige Funktion in dem Plan Hitlers, die Juden auszurotten. Auch die sowjetischen Gulags waren voll unschuldiger Leute, in der Mehrheit Russen, die als politische Feinde angesehen und ins Lager oft aufgrund falscher Anzeigen verschleppt wurden. Die Sterblichkeitsrate war jener in Auschwitz gleich, wenn sie nicht noch höher lag. Die Häftlinge in Kolyma hatten täglich viele Stunden unmenschlicher Arbeit in den Gold-, Blei und Platingruben zu leisten. Stets unterernährt und von dem sibirischen Klima schwer geplagt, litten sie sehr unter der dort viele Monate lang anhaltenden extremen Kälte. Kolyma verschlang ca. vier Millionen Menschenopfer.
Es wäre anzunehmen, dass die Menschen aus den zwei Weltkriegen und dem kommunistischen Terror eine Lehre gezogen haben. Indessen brach im Balkan wieder ein Krieg aus, der Leid und Tod hunderttausender von Menschen bedeutet. Es ist ein Krieg zwischen zwei Völkern um einen Fleck Erde, um das Kosovo. Das, was sich dort zugetragen hat, hat seine lange Vorgeschichte. Der Konflikt schwelte seit Jahren. Die Serben behandelten die Albaner immer als Fremde, die sich auf serbischem Boden niedergelassen haben. Sie versuchten verschiedene Tricks, um die Albaner aus Kosovo los zu werden, bis es zu Massenmorden kam und zu ethnischen Säuberungen. Die Welt musste darauf irgendwie reagieren. Die NATO griff militärisch ein.
Die Lektüre der mitgebrachten Bücher sowie laufende Nachrichten drückten meine Stimmung nieder. Ich fragte mich andauernd - Warum? Wieso konnten Menschen anderen Menschen dieses Schicksal bereiten? Kann man als Mensch, als denkendes Wesen, das zwischen gut und böse unterscheidet, so tief fallen, dass man sich dem Hass hingibt und anfängt zu morden?
Ich begriff nach und nach, dass die Menschen es nicht schaffen, sich der ihnen zugedachten zivilisatorischen Rolle, eben der eines Menschen, gewachsen zu zeigen. Sie schaffen es sich gegenüber nicht und genauso wenig gegenüber den anderen. Dummheit, Grausamkeit, die Besitz- und Machtgier gewinnen stets Oberhand. Die einen Menschen stürzen andere ins Unglück, nur weil sie einem eingebildeten Ziel nachjagen. Im Endeffekt fügen sie sich selbst schweren Schaden zu. Indem sie andere der menschlichen Würde berauben, büßen sie sie selbst ein, auch wenn´s ihnen zunächst nicht klar ist... Diese Menschen, unfähig zu lieben, Mitleid und Verständnis zu zeigen, schreiten sie durchs Leben und hinterlassen überall eine grauenhafte Spur: Schmerz, Leid und Tränen der misshandelten Mitmenschen.
Zurück zu meinem Traum, Veronika, den ich Dir eingangs geschildert hatte. Die letzte Statue ganz vorne, die noch mit keiner Inschrift versehen war, und der mir in die Hand gedrückte Meißel: Ist es nicht so, dass Du und ich, dass unsere Generation es in der Hand hat, welche Inschrift dort eingemeißelt wird? Wird sie wieder für ein unermessliches Leid stehen? Wo wollen wir hin? Wie viele WARUM-Fragen birgt für uns die Zukunft?
Ich glaube an den Menschen. In jedem von uns steckt die Neigung zum Guten, auch wenn sie nicht die stärkste Kraft ist. Sie gibt es. Ich möchte diese Neigung in mir freischaufeln, ich möchte sie in Dir und in allen Menschen, die mir über den Weg laufen, entdecken, hegen und pflegen. Ich bete darum. Albert Schweizer sagte einmal: "Das Gebet vermag die Welt nicht zu verändern, es verändert aber Menschen, und die Menschen ändern die Welt."
Ich vertraue auch Dich Gott an und grüße Dich herzlich
Deine Ania