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tipWeißt Du, dass ...






Hallo Markus,

pass auf! Du kriegst heute von mir einen philosophischen Brief. Streng Deine grauen Zellen an. Es würde mich nicht wundern, wenn Du jetzt meinen Brief zusammenknüllst und in den Papierkorb beförderst oder zu einem Pfeil zusammenfaltest, um ihn zum Fenster hinaus zu schicken. Ich weiß, dass Du pessimistische Briefe nicht magst. Der hier ist aber von dieser Sorte.

Józef Szajna, Amaisenhaufen - Kosmos
Ich hatte einen Traum, einen grauenhaften Traum, der mich die Welt in einer anderen Perspektive erblicken ließ. Ich träumte, dass mich jemand mit Gewalt aus meinem Familienhaus fort jagte, dass ich gewaltsam von meiner Mutter getrennt wurde, die es nicht mehr schaffte, mich zum Abschied zu küssen. Wieso zum Abschied?... Mein Vater schrie irgendetwas laut und hatte ein furchtbar trauriges Gesicht ... diese Trauer ist gar nicht zu beschreiben. Er sah grauenhaft aus. In der Hand hielt er ein schwarzes Büchlein, war`s die Bibel?

Plötzlich legte jemand behutsam seine Hand auf meine Schulter und flüsterte sanft meinen Namen. Ich machte die Augen auf und erblickte das liebevolle Gesicht der Mutter. Und in ihm keine Spur von Tränen oder Trauer...

Es war also doch nur ein Traum! Mama schaltete das Radio ein, damit ich nicht wieder einschlafe. Sie tut es jeden Morgen. Aus den Nachrichten erfuhr ich von der tragischen Entwicklung in Jugoslawien. Ich erstarrte. Wie ist denn das nur möglich? In unserer Zeit, an der Jahrhundertwende, ein KRIEG?

Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich gerade von diesem Krieg geträumt hatte, der so viele Menschen Leid beschert. So viele Mütter wurden von ihren Töchtern getrennt, vielleicht für immer. Ich spürte, wie mir eine Träne die Wange hinunterrollte. Auf die Nachrichten folgte eine fröhliche Morgenmusik. Ich saß noch eine Weile im Bett und versuchte meine Traumerlebnisse und die Nachricht über den ausgebrochenen Krieg in Jugoslawien auf die Reihe zu bringen.

In der Schule ging dann alles seinen alten Trott. Einige haben herumgealbert, andere zitterten vor der bevorstehenden Klassenarbeit. Ich wurde nicht fertig mit den lachenden Gesichtern einiger Freundinnen und Freunde, denen es vollkommen egal war, dass Menschen in einem Land, in dem Krieg geführt wird, Tragisches erleben. Ich erlebte etwas, was mir neu war. Ich zitterte um Menschen, die ich gar nicht kannte, und die mir durch den nächtlichen Albtraum nahe geworden sind.

Józef Szajna, Zahlen (die Namenlosen)
Du weißt, wie ich die Musik von "The Doors" liebe. Ich legte ihre Disc auf, um auf andere Gedanken zu kommen. "The Doors" holten mich bisher aus jedem Tief raus. Auch dieses Mal zog es. Ich drehte die volle Lautstärke auf, was die Eltern und die Nachbarn aus dem Häuschen geraten lässt. Ich fand ein bisschen Ruhe..., insbesondere als der Song "The unknown soldier" kam. Ich hörte mich hinein. Zum Schluss kam der Satz "WAR IS OVER" und etwas knackte in mir. Eine Erleichterung kam auf. Die Leere in meinen Herzen wich einer Hoffnung. Mir wurde klar, dass auch dieser Krieg einmal zu Ende gehen wird und wir alle dieses Ende beschleunigen können. Wir können den Flüchtlingen helfen, indem wir wenigsten ein paar Groschen auf das Konto der karitativen Organisationen einzahlen. Wir können auch für die Kriegsopfer beten. Ich war bisher kein eifriger Beter, jetzt aber bete ich ausgiebig und innig. Ich meine, dass in dieser vertrackten Lage nur Gott wirklich helfen kann.

Du siehst, wie der Krieg Menschen ändert, und zwar nicht nur jene, die unmittelbar betroffen sind, sondern auch die Unbeteiligten, die - wie ich - das Geschehen aus der Perspektive eines anderen Landes beobachten. Diese Überlegungen und mein Gebet machen mich für Unrecht und Leid anderer Menschen empfindsamer. Ich stelle mir immer wieder eine Menge WARUM-Fragen. Warum müssen so viel sterben, leiden, hungern. Warum werden die sich nahestehenden Menschen getrennt? Warum wird man aus der Heimat verjagt? Warum kriegt es unsere Zivilisation nicht hin, alle Kriege und Katastrophen abzuwenden? Kann man denn internationale Konflikte nicht auf einem anderen Wege regeln? Muss es gleich Krieg sein?

Sorry, eigentlich wollte ich es nicht so pessimistisch ausfallen lassen.

Wie stehst denn Du dazu?


Mit herzlichen Grüßen                                

Deine Ka¶ka                                            





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