Liebe Eva,
bei uns macht sich ein wunderschöner Frühling breit und es ist kaum zu glauben, dass sich in nicht so weiter Ferne ein Krieg abspielt. Ich habe Angst vor dem Krieg, ich fürchte das Ausmaß des Bösen, das der Mensch herbeiführen kann. Wenn ich höre und lese, was sich im Kosovo tut, steigert sich meine Angst zusätzlich und mich überkommt das Gefühl, dass das alles schon einmal da gewesen ist, erlebt von unseren Großeltern. Unfassbar, woher so viel Böses herrührt! Unbegreiflich ist mir, aus welchen Quellen dieser Hass sprudelt.
Du kannst bestimmt auf Anhieb ein paar rationale Argumente anführen zur Begründung dessen, was im Kosovo los ist. Sicher gab es dort konfessionell begründete Reibereien, ähnlich jenen in Nordirland, bestimmt spielen mit Blick auf die Vorkommen verschiedener Rohstoffe im Kosovo, auf die Miloszewiè ungern verzichten möchte, auch wirtschaftliche Überlegungen mit ein. Wer ist er eigentlich, dieser Miloszewiè? Ein serbischer Führer? Man sagt ihm nach, er sei machtbesessen und verstehe es, seine Machtgier mit "serbischen Interessen" gleichzusetzen. Erinnert eine solche Haltung nicht an die sog. "jüdische Frage". Die antialbanische Propaganda erinnert in erschreckender Weise an die antisemitische Hetze im Dritten Reich. Die Serben sagen vom Kosovo: "Es gibt dort schöne Denkmäler, das stimmt, denkt aber daran, dass dort nur Schmutz und Pest herrschen". Es klingt wie ein leicht abgewandelter Spruch von früher: "Juden heißt Schmutz, Läuse und Typhus". Solcher Beispiele gibt es mehrere.
Mir geht die Frage nach, wieso sich Leute auf solche Sprüche locken lassen, denn der Völkermord im 20. Jahrhundert war nur unter Beteiligung einer großen Menge der Vollstrecker möglich. Die Anführer selbst hätten dieses blutige Werk nie vollbracht. Ist das übrigens nicht ein Horror, dass Millionen von Menschen einer verbrecherischen Ideologie auf den Leim gehen, um dann in ihrem Namen bereitwillig zu morden? Wie war es möglich, dass die Deutschen, Europäer und in ihrer Mehrheit Christen, Hitler gefolgt sind? Es wird einem unheimlich zumute, wenn man bedenkt, wie schnell man damals dazu überging, traditionelle Werte über Bord zu werfen, um sich einer neuen - sei es der nationalsozialistischen, sei es der kommunistischen Ethik zu verschreiben, in der neu bestimmt wurde, was Gut und was Böse ist.
Es war nicht Stalin selbst, sondern es waren seine einfachen Vollstrecker, die den Häftlingen einen Vierzehnstunden-Arbeitstag zugemutet haben, und dies in den fürchterlichen Gruben Kolymas, nur weil Marx die Idee verkündete, dass allein Arbeit ein wirksames Mittel in der Umerziehung ist. Die Lagerwächter glaubten wohl, dass sie die bestehende Gesellschaftsordnung und den Staat vor Feinden schützen und verirrte Individuen wieder gesellschaftsfähig machen, indem sie diese zu "bewussten Arbeitstätigen" umschmieden. Genauso leichtgläubig nahmen die Deutschen die These an, dass das Gesetz dann einen Sinn habe, wenn es dem Schutz einer Rasse diene.
Sicher hast Du schon etwas über den Ursprung des Antisemitismus gelesen. Er war auch keine neue Erscheinung, aber der Judenhass neuesten Datums gipfelte im Holocaust und war qualitativ anders, als alle früheren Hassausbrüche, die in der langen Geschichte Europas vorgekommen sind. Die Mehrzahl der Menschen übernahm die Überzeugung, dass Juden die Weltherrschaft anstreben und sich deshalb gegen die einzelnen Völker verschwören.
Glaubst Du nicht auch, dass auf dem Balkan die Bevölkerung einem Massenwahn erlag und sich für die Idee gewinnen ließ, eine ethnisch reine Gesellschaft zu begründen. Will man das wirklich, dann muss die bestehende Bevölkerung von fremden Elementen gesäubert werden, denn diese Elemente passen nicht ins Bild. Der Trick ist einfach: Man muss den Hass möglichst hoch peitschen und ihn dann gegen einen gemeinsamen Feind richten - es kann ein Volk, eine gesellschaftliche oder eine ethnische Gruppe sein. Massen lassen sich relativ leicht manipulieren und für unlautere politische Zwecke missbrauchen. Die einzelnen Menschen merken oft gar nicht, welches Übel sie anrichten und es entgeht ihnen in ihrer Begeisterung auch, dass sie nur Werkzeug in verbrecherischen Händen sind.
In der Sowjetunion, wo jedes Verbrechen durch die marxistische Ideologie gerechtfertig werden konnte, waren Millionen Menschen überzeugt, dass Genosse Stalin nichts von den Greueltaten weiß, die im Land passieren. Dann kam der Punkt, wo diese Illusion nicht mehr aufrechtzuerhalten war, so machte man sich daran, Theorien zu schmieden, die Stalin entlasten sollten. Wie sehr die Menschen der bolschewistischen Lüge verfallen waren sieht man daran, dass die unglückseligen, zum Lagerdasein verurteilten Menschen auf dem Transportweg dahin noch in den Waggons Loblieder auf die SU gesungen und wiederholt haben "Ich kenne kein anderes Land, in dem die Menschen so frei sind." Die im Krieg zum Angriff aufspringenden Rotarmisten schrieen aus vollen Hälsen "Für die Freiheit, für Stalin!"
Die Worte Alexander Solschenizyns müssen einem sehr unter die Haut gehen, wenn er sagt: "Dieses unmenschliche System war leicht zu stürzen, es hätte gereicht, sich an der Lüge nicht zu beteiligen." Die Schuld an Kolyma und Auschwitz ist also nicht allein Hitler und Stalin sowie ihrem Parteiapparat anzulasten. Du wirst Dich wohl noch daran erinnern können, wie wir darüber diskutiert haben, welchen Anteil an den größten Verbrechen des Jahrhunderts ganz "einfache, kleine" Leute hatten. Neulich las ich wieder einiges darüber. Ich muss leider dem Schriftsteller Henryk Grynberg recht geben, wenn er meint, dass der Ursprung des Bösen in dem alltäglichen Verhalten ganz gewöhnlicher Leute zu suchen sei, denn diese Menschen seien es, und nicht fanatische Führer oder andere Verrückte an der Spitze der Macht, die die verbrecherischen Ideen praktisch umsetzen. Die einfachen Menschen verleihen dem Bösen Schwung und Wucht.

Es fällt mir schwer, dem zuzustimmen, noch schwieriger ist es aber, diese Behauptung zu widerlegen. Ich frage mich dann, was ist das für eine Beschaffenheit der menschlichen Natur, die den Menschen so leicht die bisher hochgehaltenen Werte einfach ablegen und das Gewissen abschalten lässt. Prof. Tischner setzte sich mit diesem Problem in dem Essay "Zum Kosovo" auseinander. Er verweist als auf eine der möglichen Erklärungen auf die Theorie der schiefen Spiegel, die sich aus dem Geiste der Philosophie von Descartes ableiten. Es heißt dann: "In einem schiefen Spiegel erscheint uns das Gesicht des Anderen stets verzerrt. Wir sehen, dass er schlechter ist, als wir dachten, dass er verlogen, tückisch und böse ist". Für die Funktion eines solchen Spiegels eignet sich z.B. eine Ideologie, und das Spiegelbild wird mittels Medien vervielfältigt. Tischner meint ferner, dass die Menschen, mit einem solchen Zerrbild konfrontiert, oft das Verlangen verspüren, das Bild gegebenenfalls gewaltsam zu korrigieren, und sind dabei überzeugt, Gott und einer guten Sache zu dienen. Ein geschickter "Spiegelsteller" bringt die Massen dazu, mit Begeisterung zu hassen. Dann werden aber auch gleich die Schwächen der menschlichen Natur offenkundig und es zeigt sich, wie kurzweilig die Abneigung gegen Mord im Menschen ist, wie gering die Angst davor, sich schuldig zu machen und unmoralische Handlungen verantworten zu müssen, und wie groß die Bereitschaft, Verbrechen zu begehen.
Ich weiß, wie sehr mich die Ergebnisse der Untersuchungen von Philipp Zimbarro beeindruckt haben. Zimbarro führte folgendes Experiment durch: Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: in Gefängniswärter und in Gefangene. Die Gefängniswärter bekamen die Aufgabe, die Strafgefangenen zu kujonieren und ihrer Würde zu berauben. Sie legten dabei eine ganz unheimliche Kreativität an den Tag. Sie befahlen z.B. den Häftlingen, die Klos (Toiletten) mir bloßen Händen zu reinigen, wie es einmal schon die Deutschen mit polnischen Juden getan hatten. Es kam dann so weit, dass man angesichts der wachsenden Gefährdung der Häftlinge das Experiment abbrechen musste.
Wie kann man sich mit einer derart unvollkommenen Natur des Menschen abfinden? Wie wird man damit fertig, dass das Böse - in entsprechender "Verpackung" serviert - so leicht an den Mann zu bringen ist und dass man zur Grausamkeit gar nicht so sehr zwingen muss, weil sie eine Anziehungskraft auf den Menschen ausübt? Viele, die wegen unter Stalin oder Hitler begangener Verbrechen belangt worden sind, entschuldigten sich mit Befehlsnot. In der Tat war es aber so, dass nicht einmal in Auschwitz Befehle genauestens formuliert waren, sondern dass sie von den Vollstreckern interpretiert und in vielfacher Weise "bereichert" worden sind, indem dem Sadismus je nach Bedarf gefrönt wurde.
In den Gulag-Erinnerungen von Janusz Siemiñski finden sich Beschreibungen diverser Verhaltensweisen der Lagerwächter. Der Lagerkommandant war bemüht, nach vielen Stunden mörderischer Arbeit, den Häftlingen eine weitere Beschäftigung aufzuerlegen, und wenn ihm gar nichts mehr einfiel, befahl er ihnen, Steine vom einem Platz auf den anderen zu tragen.
Aus zahlreichen Quellen ergibt sich, dass die Handlanger verschiedener verrückter Führer ihre Aufgabe mit großer Hingabe und Einfallsreichtum erfüllt haben. Ist denn der Mensch so bis auf den Grund verdorben? Viele der Verbrecher waren einfache Menschen, in denen die verbrecherische Ideologie jegliche moralischen Bedenken zum Schweigen brachte und böse Instinkte wach rief. Es gab aber sowohl unter den Nazis als auch unter den Bolschewiki eine Menge intelligenter Menschen mit Bildung und nicht geringer Empfindsamkeit. Warum ließen sich diese Menschen von dem Wahn benebeln? Es war vielleicht doch nicht vordergründig der Sadismus, der sie dazu trieb, sondern eher der Glaube an die Richtigkeit der ideologischen Voraussetzungen. Vielleicht aber war ein Teil von ihnen bereit, ihre Dienste jedem anzubieten, der ihnen ein klein bisschen Ansehen verschaffe?
Mir scheint, dass Ideologien, die zur nachträglichen Rechtfertigung der Verbrechen ersonnen werden, viel leichter zusammengestrickt werden als jene, die zum Verbrechen erdacht werden. Man bemüht nachher stets den Schein von Rationalität, Pragmatismus oder gar wirtschaftlicher Effizienz als Begründung.
Sicher hast Du schon eine ganze Menge Bücher gesehen, die alle unter dem Motto "Nie mehr Auschwitz, nie mehr Kolyma" geschrieben wurden. Auf den ersten Blick würde man meinen, dass die Wachhaltung der Erinnerung an Verbrechen eine vorbeugende Funktion hat. Henryk Grynberg, der als Kind den Holocaust erlebt hat, ist ganz anderer Meinung und legt die Vermutung nahe, dass durch Erinnerung an die Verbrechen vielleicht weitere Verbrechen angeregt werden können. Sicher hast Du die Diskussion in der Zeitung "Gazeta Wyborcza" verfolgt, die zwischen Ernst Nolte und François Furet geführt wurde. Einer der Streitpunkte war, ob der Umstand, dass Kolyma vor Auschwitz eingerichtet wurde, den Schluss auf einen kausalen Zusammenhang erlaubt. Ich neige in der Frage eher zu der Meinung Furets, der behauptete, dass Hitler nicht das sowjetische Vorbild gebraucht habe, um die Endlösung zu ersinnen. Warum ist aber jetzt, nach Kolyma und Auschwitz mitten in Europa wieder ein verheerender Hassausbruch möglich geworden? - freilich in einer Neuauflage. Ganz offenbar bestehen nach wie vor zivilisatorische Voraussetzungen, die ein Verbrechen solchen Ausmaßes möglich machen. Grauenvoll ist die Einsicht, dass bei dem derzeitigen Stand der Technik ein Gangster vom Typ Hitler eine noch größere Chance hat, die ganze Welt zu unterjochen. Henryk Grynberg fasst das so: "Mit bestürzender Deutlichkeit stellt sich uns die Erkenntnis, dass es allein auf den Willen ankommt, zumal wenn der Wille böse genug ist. Die größte Antriebskraft für den Willen stellt immer der Hass dar".
Hast Du darüber ernsthaft nachgedacht, ob das uns im 20. Jh. bedrängende Böse etwas Neues in der Geschichte ist, etwas von einer bisher nicht gekannten Dimension und Intensität? Glaubst Du, dass der Holocaust einmalig war? Ist es nicht eher so, dass sich die Geschichte einer "Million Hiobs" wiederholt? Ich schrecke davor zurück, die Behauptung Zygmunt Baumanns zu glauben, der meint: "Es ist gut möglich, dass auch uns hätte DAS DA (die Balkangeschichte) passieren können, es ist vielmehr möglich, dass wir sie selbst anzetteln würden." Ich werde die Frage nicht los: Wer bist du, Mensch? Und ich will beharrlich daran glauben, dass aus der Asche des 20. Jahrhunderts eine Weisheit geboren wird, die im Frieden fruchten wird. Es hat mal jemand gesagt, dass der Mensch drei Tage ohne Essen und ohne Trinken übersteht, aber drei Tage ohne Hoffnung ihn umbringen.
Ich bin gespannt, wie Du dazu stehst - lass mich nicht zu lange warten.
Mit besten Grüßen
Mit besten Grüßen
Deine Ania