Lieber Marek,
ich muss immer wieder an unser letztes Gespräch zurückdenken. Wir stellten beide fest, dass jeder von uns Tausende von Bildern gespeichert hat, die sich ihm im Bewusstsein tief eingeprägt haben. Ein kleiner Reiz reicht, um sie wachzurufen, und man hat sie genau vor Augen. Diese Bilder rühren oft nicht aus der unmittelbaren Erfahrung her. Oft sind es Berichte unserer Angehörigen oder Schnappschüsse aus Dokumentarfilmen, manchmal aber auch Kunstwerke, die uns beeindruckten und in Form von Bildern im Gedächtnis haften blieben. Du hast ja Deine "Guernica" von Picasso und ich das Gemälde von Goya "Erschießung der Madrider Aufständischen", an die wir oft denken.

Wir verfielen auf diese Problematik durch Zufall, angefangen haben wir bei Totalitarismus. Deine Beschreibung des Bildes "Der Wald von Birnam geht auf die Herrscher im Kreml zu" machten einen großen Eindruck auf mich. Du hast mir über die Berichte Deines Großvaters erzählt, der vom NKWD in ein Lager in Sibirien verschleppt wurde. Die Häftlinge arbeiteten weit über ihre Kräfte beim Holzfällen, und als sie sich todmüde ins Lager zurückschleppten, mussten sie mit kleinen Zweigen um sich fuchteln, um die riesigen Mückenschwärme zu verscheuchen, die sie plagten. Die Taschen hatten sie vollgestopft mit Laubblättern, die - im Lager aufgebrüht -, die einzige warme Speise waren. Ich gratuliere Dir zu der Bildunterschrift - sehr treffend gewählt. War das Deine Idee oder die des Großvaters? Ich wiederum erinnere mich an die Erzählungen meiner Großmutter Eugenia. Sie malte vor meinen Augen das Bild einer langen Schlange von Kindern, die nach einer scheußlichen schwarzen Brühe anstanden, dort Kaffee genannt. Als neunjähriges Mädchen landete sie mit ihren Eltern in einem deutschen Lager in Potulice bei Bromberg (Bydgoszcz). Eine uniformierte Deutsche brüllte alle an, und schlug das Kind mit der Schöpfkelle auf den Kopf, wenn es den Blechtopf schief hinhielt.
Ein anderes Bild, das ich stets im Kopf habe, rührt aus einem Dokumentarfilm her und stellt einen Juden dar, der über eine Eisenbahnrampe geht und zwei kleine Kinder an den Händen führt. Es ist vollkommen egal, ob sie erst einsteigen sollten, ob das der Umschlagplatz war oder die Endstation Auschwitz. Mich packte die Aussage dieser Aufnahme. Kann man sich vorstellen, was für Gedanken dem Vater dieser zwei Kinder durch den Kopf schossen?
Und noch eine Szene - das Tor, das vom arischen Teil der Stadt ins Getto führte. Am Schlagbaum schütten die Wachposten Möhren auf die Straße, die sie unter den Hemden kleiner Jungen gefunden haben.
Es gibt aber auch die Dramatik des gegenwärtig fast vor unseren Augen geführten Krieges. Tägliche Fernsehberichte aus dem Kosovo enthalten Hunderte Einzelaufnahmen, auf denen die Grausamkeit der ethnischen Säuberungen festgehalten sind. Bestimmt bist Du, wie ich auch, zutiefst betroffen bei Betrachtung der Morde an Albanern und ihrer Vertreibung. Die Nahaufnahmen zeigen manchmal ihre Gesichter und die verschreckten Augen. Hast Du Dir auch das junge Mädchen gemerkt, etwa so alt wie wir, auf einem Anhänger, das vor Kälte zitterte? Es gibt unzählige solche Bilder. Wenn es einmal dank einer Erfindung möglich sein sollte, alle Bilder aus dem Gedächtnis aller Opfer des Totalitarismus im 20. Jahrhundert abzurufen, so würde daraus ein Archiv von kosmischen Ausmaßen entstehen und so emotionsgeladen, dass man es nicht ertragen könnte.
Wie ich Dich kenne, wirst Du mir unweigerlich die knappe Frage stellen: "Warum Auschwitz, warum Kolyma, warum das Kosovo"? Darauf gibt es gleich knappe Antwort - "es sind die Früchte des Totalitarismus". Damit ist aber die Sache nicht hinreichend geklärt, man muss tiefer reichen, das Problem bei den Wurzeln packen, die vielleicht in uns selbst stecken.
Der Totalitarismus stützt sich auf eine Ideologie, die der Demokratie fern liegt. Durch Erzeugung von Angst und durch Unterdrückung ordnet er sich ganze Gesellschaften unter. Er verspricht in der Regel ein besseres Leben und eine bessere Welt. Später zeigt sich, dass die Wirklichkeit, die von Diktatoren geschaffen wurde, das Gegenteil aller Versprechung ist. Die Medizin erweist sich weit schlimmer als die Krankheit, wie es einmal jemand sehr treffend sagte. Versprochen war Freiheit, und was kam war Knechtung. Erhofft war Wohlstand, Elend trat ein. Man beschwor Wahrheit und Meinungsfreiheit, man tischte aber Lügen auf und knebelte den Mund mit Zensur. Als es dann so weit war, machte sich die totalitäre Propaganda auf die Suche nach Schuldigen und fand sie auch: es waren stets Vertreter einer anderen Rasse oder Religion, es waren Andersdenkende. Du weißt ja aus der Geschichte, wie oft dieses Schema durchgespielt wurde. Für jene Anderen errichtete man Konzentrationslager, Gulags und Gettos. Sie fielen ethnischen Säuberungen zum Opfer. Du hast mal gefragt, wieso sich so viele bereitwillige Handlanger fanden, die die Mordbefehle ausführten. Wir wissen beide, dass es in jeder Gesellschaft "dunkle Typen" gibt, die jederzeit zu jedem Verbrechen fähig sind. Sie sind das willigste Werkzeug in der Hand der Diktatoren. Sie tun, was ihnen befohlen wird, es reicht aber auch, ihnen freie Hand zu lassen. Weder Stalin, noch Hitler noch Miloszewiè hätten das geschafft, was man Massenmord nennt, hätten sich nicht Tausende Vollstrecker zur Verfügung gestellt.
Wir müssen wachsam bleiben, denn die "dunklen Kräfte" liegen auf Lauer, nur sind wir uns dessen nicht immer bewusst. Erinnerst Du Dich an die Fernsehsendung mit Hanna Krall? Sie erzählte über einfache Arbeiter aus Hamburg. Als sie in die besetzten Ostgebiete versetzt wurden, verrichteten sie täglich ihre Arbeit, die darauf beruhte, Juden zu erschießen. Ganz einfache Menschen mordeten andere hin, wie wenn sie eine Schicht im Betrieb geschoben hätten. Musiker, die mit einem Orchester kamen, um jenen Arbeitern aufzuspielen, schnappten diesen blutrünstigen Virus auf und wollten sich ebenfalls an Erschießungen beteiligen. Diese Tatsachen sprechen Bände über die Natur des Menschen.
Mich erschreckt genauso wie Dich die ausufernde Verachtung gegenüber allem, was fremd ist. Schau Dir die Glatzköpfe oder die randalierenden Sportfans an, sie speien geradezu Hass. Bei ihnen löst allein schon die Hemdfarbe einer anderen Mannschaft oder eine andere Hautfarbe die volle Aggression aus. Die totalitäre Macht lebt von Intoleranz. Die "dunkle Antriebskraft" des Rassismus ist jenes Böse, das im Menschen schlummert und leicht wachgerüttelt werden kann.
Ich bin froh, von Dir an jenen Satz von Papst Johannes Paul II. erinnert worden zu sein, denn es ist bezeichnend, was er sagte: "Die von Werten losgelöste Demokratie verwandelt sich leicht in einen offenen oder verkappten Totalitarismus". Die Demokratie allein tut es also nicht und ist keine Gewähr, dass wir Kolyma nicht noch einmal erleben. Man muss unaufhörlich die wahren Werte pflegen und auf jedes Übel, auch auf das geringste, sofort mit Widerstand reagieren, damit es im Keim erstickt werden kann, bevor es sich zum Brand ausgeweitet hat.
Es ist enorm wichtig, in unserer nächsten Umgebung energisch gegen das Böse anzutreten. Vielleicht ist die Intervention der NATO auf dem Balkan das erste Anzeichen dafür, dass die Mauer der Gleichgültigkeit bröckelt.
Gerade jetzt marschieren die NATO-Einheiten im Kosovo ein. Der Diktator musste sich geschlagen geben. Gesiegt hat der Wille, Menschenrechte zu wahren. Das geht in die Geschichte ein. Vielleicht bricht vor unseren Augen eine neue Epoche an, eine Zeit, in der man sich daran machen wird, eine Zivilisation der Liebe und der Toleranz zu begründen. Vielleicht wird sich die Welt ändern und Fragen, die Du gestellt hast, werden nie wieder aufgeworfen? Glaubst Du nicht auch, dass künftige Generationen Bilder gespeichert haben werden, die frei sind vom Schrecken des Totalitarismus?
Ich bin sicher, dass die Diktatoren jetzt eine Lektion bekamen und das Fürchten gelernt haben. Es hat sich etwas dauerhaft geändert. Auch wenn Du mich wieder einen unverbesserlichen Optimisten und Träumer schimpfst - es hat doch seinen Reiz, sich Träumen hinzugeben.
Viele Grüße
Dein Rafa³