Hallo Adam,
die Waffen schweigen, die serbische
Armee zieht sich aus dem Kosovo
zurück. Die Luftangriffe auf Jugoslawien
wurden eingestellt. Kein Krieg mehr.
Die NATO kann einen Erfolg verbuchen.
Darüber berichteten gestern die Medien.
Gibt es Grund für Begeisterung? Kann sich Polen als ein neues NATO-Mitglied zu den Siegern zählen? Hat der Krieg, der wohl zum ersten Mal in der Geschichte für die Einhaltung der Menschenrechte geführt wurde, sein Ziel erreicht? Der Fragen gibt es viele, und mit einer Antwort sind sie nicht alle abgehakt.
Von diesem Krieg waren wir alle irgendwie betroffen. Wir in Polen nur mittelbar. Wenn man die Kriegshandlung auf dem Bildschirm verfolgt, riskiert man nichts. Der Krieg hat paradoxerweise auf unsere Denkweise und Wertehierarchie eine positive Wirkung gezeigt. Ich will damit auf keinen Fall sagen, dass die Kriege dafür gut sind, der verwöhnten Jugend der westlichen Welt bewusst zu machen, wie gut es ihr geht. Dennoch eröffnete mir der Krieg, - aber vielen anderen wohl auch - eine ganz neue Perspektive.
Ich erinnere mich noch genau an jenen Tag, als der Konflikt im Kosovo in eine neue Phase trat - Jugoslawien wurde aus der Luft angegriffen. In dieser Nacht schlief ich beim eingeschalteten Radio ein, wurde immer wieder wach, hörte kurz neue Meldungen über Ziele, die von NATO-Flugzeugen getroffen wurden, und döste wieder ein. Als ich am Morgen ganz wach wurde, wurde mir so richtig bewusst, dass es kein Albtraum, sondern handfeste Realität war, die zunehmend brutale Züge annahm. Die in Gang gesetzte Kriegsmaschinerie kam beängstigend rasch auf hohe Touren. Es gab Opfer unter der Zivilbevölkerung und unter den Soldaten (die sind ja auch Menschen!). Sehr viele Menschen wurden vertrieben, der materielle Schaden wuchs, die Propaganda und die Zensur wurden von beiden Seiten geschickt eingesetzt.
Die Medien waren in den ersten Tagen voll Meldungen über die Kriegshandlungen, nach und nach wurden aber die Meldungen von den Titelseiten verdrängt. Meine Gedanken kreisten aber oft um das Kosovo. Mich interessierte auch, wie sich dieser Balkankrieg auf die polnische Jugend auswirkt, wie sie ihn empfindet. Der Konflikt fand kontroverse Beurteilung, er berührte das Gewissen vieler und regte zum Nachdenken darüber an, was man europäische Wertehierarchie nennt. Die grundsätzliche Frage lautete: "Warum kam es so weit?"
Ich dachte viel darüber nach, obwohl uns die Medien mit runden Analysen und fertigen Antworten diese Mühe abnehmen wollten. Es wäre falsch, den Einfluss der Medien zu unterschätzen und die Wirkung zahlreicher Beiträge, Reportagen und Diskussionen außer Acht zu lassen. Der reißende Fluss der Informationen machte die Sache aber nicht überschaubarer. Man sah vielen an, wie sensationsgeil so manche Berichterstattung war. Wenn über ein Thema wochenlang berichtet wird, verpufft schnell die Tragfähigkeit der Meldung. Das Interesse flammt erst bei sensationellen Wenden wieder auf, wie es z.B. der Bombenangriff auf die chinesische Botschaft in Belgrad war. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Bild.
Die Eltern haben die Pflicht, ihren Kindern zu helfen, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden. Wenn der Familienspross auf seinem Zimmer die volle Technik zur Verfügung hat, einen ans Internet angeschlossenen Computer, Fernseher und eine super Sound-Anlage, dann heißt dies noch lange nicht, dass er damit umgehen kann. Wie kann man denn überhaupt den Informationsfluss steuern, der Jugendliche erreicht?

Eine Zensur ist nicht denkbar, aber die Erwachsenen sollen die Inhalte verifizieren, die der jungen Generation untergejubelt werden. Dabei denke ich nicht in erster Linie an den Nachrichtendienst? in den Medien. Weit wichtiger ist, dass die Filmemacher bemüht sind, um jeden Preis, auch mit Gewalt, mit sexuellen Abnormitäten und mit dem gesamten kommerzialisierten Bösen einen Knalleffekt zu erreichen, denn darauf kommt es an. Davon sind Fernsehen, Videokassetten, Computerspiele und Illustrierten voll. Es ist nicht wahr, dass alle das Gute vom Bösen und Phantasiebilder von der Realität unterscheiden können. Kinder tun sich damit sehr schwer. Sie können sich nicht mehr konzentrieren, reagieren überreizt, sie sind nicht fähig, über die gerade verschlungene Lektüre kritisch zu reflektieren und vermissen ein kurzes, ernsthaftes Gespräch mit einem erfahrenen Erwachsenen. Wie die heute heranwachsende Generation erzogen wird, so wird in einigen Jahren die ganze Gesellschaft sein. Werte, die man in jungen Jahren übernommen hat, prägen sich für das ganze Leben ein.
Wie wichtig diese Dinge sind, weiß jeder, der mit der Gewalttätigkeit der Jugendlichen konfrontiert wurde. Ich wurde schon einmal Opfer angetrunkener Fußballfans, auch hatte ich mit einem Anhänger der "weichen Drogen" zu tun, der an meinen Anschauungen etwas auszusetzen hatte. Wie komme ich dann in einer schwierigen Lage zurecht? Ich bemühe mich, die Beherrschung nicht zu verlieren, was leichter gesagt als getan ist, denn ich muss meinen Stolz und meine Angst überwinden.
Ich habe Angst, allein durch die Stadt zu gehen. Das Ballungszentrum um Kattowitz ist kein sicheres Pflaster. Muss ich mich dauernd fürchten? Ich glaube nicht. Wir können uns dem Bösen widersetzen und dies liegt im Bereich des Möglichen. Man müsste den sog. schwierigen Jugendlichen viel mehr Aufmerksamkeit schenken und umfassende Vorbeugungsmaßnahmen treffen. Sind Veranstaltungen denkbar, an denen kahlgeschorene Punks, harte Sportfans und artige Töchter aus guten Häusern gemeinsam teilnehmen? Sehr viele Eltern würden sofort abwinken, sie müssen allerdings dabei bedenken, dass sie nicht nur eigene Kinder zu erziehen haben. Es kommt ja gar nicht darauf an, in das Leben eines Menschen einzugreifen, sondern auf das Bewusstsein, wie wichtig es ist, ganze Familien miteinander in Kontakt zu bringen, gemeinsam zu spielen und zu arbeiten. Dass sich unsere Gesellschaft solidarisch zeigen kann, sieht man am Beispiel der Spendeaktion "Das Orchester spielt Hilfe ein" (Wielka Orkiestra ¦wi±tecznej Pomocy), oder wenn es gilt, Opfern der Hochwasserkatastrophe zu helfen. Auch bei den Papstbesuchen verhalten sich die Menschen sehr solidarisch und freundlich zueinander.
Der Staat kann nicht aus der sozialen Pflicht entlassen werden. Kinderheime dürfen nicht der Boden sein, aus dem die giftige Saat des Verbrechens keimt. Die alternative Lösung, die sog. Familien-Kinderheime, in denen eine kleine Gruppe Kinder von einem Ehepaar betreut wird, müssen stärker gefördert werden. Diese Lösung ist jedem institutionalisierten Heim weit überlegen. Es heißt aber nicht, man solle nunmehr alle anderen Kinderheime schließen, ganz im Gegenteil, sie müssen stärker gefördert und modernisiert werden. Sie müssen ein Ort sein, an dem solche Werte wie Toleranz, Friedfertigkeit und Liebe vermittelt werden. Es mag platt klingen, aber auch an die einfachsten Wahrheiten muss immer wieder erinnert werden. Es ist die Aufgabe für alle Jugendorganisationen, für Sportklubs, für Pfadfinder und für katholische Gruppen. An der Schule kommt dem Geschichtsunterricht eine besondere, auch erzieherische Rolle zu, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil es immer wieder Menschen gibt, die an der Geschichte manipulieren. Es gibt welche, die mit quasi-wissenschaftlichen Argumenten die Auschwitz-Lüge begründen wollen oder das Kreuz als Symbol dazu nutzen, Hass zu schüren. Das tut weh, und ist besonders für die Überlebenden schmerzlich. Es verbiegt aber auch die heranwachsende Generation. Wenn Erwachsene für ihre ideologischen Zwecke Geschichte oder Religion manipulieren, können sie bei vielen, vielleicht weniger kritischen Jugendlichen Hassgefühle erzeugen. Deshalb sollen uns Vernichtungslager und Gulags als Mahnmal erhalten werden. Wir dürfen auch die Entwicklung auf dem Balkan nicht vergessen, um dafür sensibilisiert zu sein, wohin uns der Hass führt, egal, ob er nun der Rasse, der Religion oder einer Klasse gilt. Die tragischen Entwicklungen können wirklich in den Dienst des Guten eingespannt werden und der Schaffung einer Zivilisation der Liebe dienlich sein. In der achten Klasse, als ich fünfzehn war, machten wir, wie jede achte Klasse, einen Ausflug nach Auschwitz, um eine sehr anschauliche Geschichtsstunde über den Rassenwahn zu erleben. Mir prägte sich dieses Erlebnis sehr stark ein. Sicher kann sich nicht jede Schule einen Ausflug in ein Vernichtungslager leisten. Man kann aber einen Menschen, der den Zweiten Weltkrieg hautnah erlebt hatte, in die Schule einladen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die älteren Menschen da nicht mitmachen würden.
Viele Oberschüler fragen sich, wozu sie eigentlich das Buch "Eine andere Welt" von Herling-Grudziñski lesen sollen, wozu sich mit Erzählungen von Borowski plagen - das sei doch alles graue Vergangenheit, unwiderruflich vorbei. Dem sind nur ein paar geographische Bezeichnungen entgegen zu halten; Algerien, Indochina, Korea, Nordirland, Somalia, Uganda, Ruanda, Südafrika, Naher Osten und der Balkan..., dabei sind wir noch nicht am Ende der Liste angelangt. Was, dies sei mit Kolyma nicht zu vergleichen? Ich weiß es nicht so genau, aber Opfer sind immer Opfer.
Aber zurück in das Kosovo. Der Frieden wurde herbeigeführt, das ist aber noch nicht alles. Jetzt müssen die westlichen demokratischen Länder jene Solidarität, die sie gezeigt haben, um Massenmorden Einhalt zu gebieten, erneut unter Beweis stellen, indem sie den Prozess der Stabilisierung auf dem Balkan unterstützen, denn dort sind längst nicht alle Konfliktherde erloschen. Zahlreiche Länder bewiesen ihre Bereitschaft zur internationalen Zusammenarbeit: Russland hat die Friedensbemühungen unterstützt, China und Russland machten keinen Gebrauch von ihrem Vetorecht im Sicherheitsrat, als die Resolution über den Einsatz der KFOR-Truppe im Kosovo gefasst wurde (obwohl es nach dem Luftangriff auf die chinesische Botschaft in Belgrad denkbar gewesen wäre).
Welche Haltung sollte Polen in der internationalen Politik einnehmen? Unsere geopolitische Lage bescherte uns oft genug Schwierigkeiten. Heute können wir sie vielleicht einmal zum Vorteil wenden und uns als Brücke zwischen dem Westen und Osten sowie zwischen dem Norden und Süden profilieren.
Wir müssen andere Länder in der Bestrebung unterstützen, den durch und durch bürokratischen Koloss, die Vereinten Nationen, zu reformieren. Die UNO bleibt hinter der Entwicklung immer mehr zurück, die Welt braucht aber eine solche Organisation.
Sollen wir uns die Verse von unserem Dichter Kazimierz Przerwa-Tetmajer noch einmal vorsagen?
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Was für einen Schild gibt es gegen den Pfeil deiner Bosheit
Du, Mensch, des sich neigenden Jahrhunderts ... Darauf verfiel er ins Schweigen.
Du musst ja selber eine Antwort wissen, meine hast Du ausführlich präsentiert bekommen.
Dein Krzysztof