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tipWeißt Du, dass ...






Liebe Sara,

entschuldige bitte die Verzögerung, mit der ich Deinen Brief beantworte. Ich wusste ganz einfach nicht, was ich Dir antworten soll. Ich dachte selber darüber nach, wieso Auschwitz möglich geworden ist.

Józef Szajna, Amaisenhaufen
Vielleicht fiel mir die Antwort so schwer, weil ich eine "idyllische" Erziehung genoss, stets in dem Glauben bestärkt, der Mensch sei gut. Deshalb kam ich nie darauf, dass jemand so grausam vorgehen kann. Ich stellte mir folglich nie solche Fragen, wie Du sie mir gestellt hast...

Neulich hat sich eine ganze Menge ereignet und ich glaube, an gewisse Fragen herangereift zu sein. Du sprachst von KZs und von Arbeitslagern, von Katyñ, Kolyma und Treblinka. Du fragtest, woher, wieso?

Diese Einrichtungen waren menschliches Werk und ihre Erbauer müssen stark verbogene Charaktere gehabt haben. Ich denke dabei an Hass und Verachtung gegenüber anderen, und diese Merkmale verleiten zu Verhaltensweisen, die der menschlichen Würde Hohn sprechen. Solche Menschen verwerfen individuelle Wertschätzung des Anderen und reduzieren ihn auf ein Element der Masse, und billigen ihm höchsten einen statistischen Zahlenwert zu.

Wenn wir nach Auschwitz kommen und links vom Einganz zum Lager einen Stand mit Hamburger sehen, auf der rechten Seite eine Touristengruppe, die ihre Klappstühle aufstellt und sich daran macht, zu picknicken, denken wir uns in Bezug auf das Lager selbst: "Das kommt doch nie wieder vor; uns droht das nicht mehr, und es ist so lange her". Wir würden am liebsten vergessen, dass es Gaskammer, Krematorien und stromgeladenen Stacheldrahtzaun jemals gegeben hat und diese ganze Todesfabrik von einem Menschen geleitet wurde. Viele andere Menschen wären froh, wenn die Gesellschaft keine Kenntnis mehr von den Arbeitslagern in der Sowjetunion hätte. Was sagst du dazu, dass das polnische Universallexikon (Encyklopedia Powszechna) in den Ausgaben aus den Jahren 1973 und 1983 keine Auskunft darüber gab, was Gulags sind, und ob an der Kolyma Arbeitslager existierten. Über den Tod von vier Millionen Menschen, die in den Jahren 1937-1953 in diese Lager verschleppt wurden, schwieg man ganz einfach hinweg.

Haben wir wirklich das Recht davon auszugehen, dass sich diese Geschichte nicht noch einmal wiederholt? Ich glaube, dies wäre falsch, weil wir gerade jetzt eine Wiederkehr erleben.

Warum sind wir nicht wachsam genug? Warum kann eine Ideologie, warum kann ein Mensch sich der Emotionen seiner Mitmenschen bemächtigen? Warum gelingt es ihm, die Mitmenschen erfolgreich zu manipulieren?

Die moderne Gesellschaft ist auf dem besten Wege dazu, solche Unmenschen hervorzubringen, wie es Stalin oder Hitler waren. Wenn ich mir die Sprüche junger Menschen in unserem Alter anhöre, wenn sie behaupten: "Aggression ist gerade in" und es sei eigentlich nicht so wichtig, gegen wen sie sich wende, denn das überlasse man wie im Lottospiel dem Zufall, dann mutet es an wie der Alltag in Auschwitz, wo SS-Leute, vielleicht auch manchmal vor Langeweile zufällig Häftlinge getötet haben.

Sollen wir angesichts solcher Sprüche nicht doppelt wachsam sein? Wie kann man denn da ruhig leben? Wir müssen uns eigentlich in unserer nächsten Umgebung umsehen und von vorne anfangen. Wichtig ist dabei: die Atmosphäre in der Familie, die Erwartungen, die von unseren Mitmenschen an uns gerichtet werden und die wir an andere hegen. Wenn ich einmal Mutter werden sollte, dann wird es in meinen Händen sein, jenes kleine Wesen, das ich zur Welt bringe, mitzugestalten. Und das Gute geht nur auf gutem Boden auf, es kann nicht auf Hass gedeihen. Deshalb muss man den ganz jungen Menschen einen entsprechenden "Boden" bereitstellen, damit aus dem Boden Gutes keimen kann.

Heutzutage sind Mutter und Vater ganz selten jene Menschen, die die Psyche des Kindes mitprägen. Eine weit größere Rolle spielen dabei die Umwelt, die Schule, die Medien - also Presse, Fernsehen und Rundfunk. Wer über die Medien herrscht, der selektiert die Information und übt eine fast uneingeschränkte Macht über die Gesellschaft. Solche Typen schaffen es, Millionen nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Alle Despoten des 20. Jahrhunderts setzten für ihre Zwecke sehr geschickt die Propaganda ein. So erlangten sie Unterstützung breiter Schichten der Gesellschaft für Hass, Gewaltanwendung, Aggression und Intoleranz. Warum gab es diese breite Akzeptanz? Wovon haben sich die Menschen dabei leiten lassen? Der Mensch begegnet dem Fremden und dem Anderen stets mit Scheu und Misstrauen. Die erste Reaktion ist das Gefühl der Bedrohung durch das Fremde. In der Konfrontation mit dem Fremden flüchten sie sich in die Überzeugung von eigener Überlegenheit und bemühen sich, den Faktor der Bedrohung auszuschalten. So ist es schon immer gewesen. Deshalb führten die Völker den Krieg gegeneinander, Könige wurden ermordet, einzelne Menschen ums Leben gebracht aber auch solche Stätten des Massenmordes errichtet wie Auschwitz und Kolyma.

Das kann nur dem Hass entsprungen sein und der mangelnden Toleranz - gekoppelt mit Aufhebung jeglicher Schranken der Moral und Ethik. Die Verfolger scheuten in der Misshandlung ihrer Opfer nicht davor zurück, besonders makabre Shows zu veranstalten und sogar auch den Glauben der Misshandelten zu schänden, egal ob es Christentum oder Judaismus war. Jetzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben die Leute ebenfalls keine Hemmungen gegenüber dem sacrum mehr. Geschändet werden Friedhöfe, Orte des Kults werden bestohlen. Wenn ein junger Mensch vor nichts mehr Respekt hat und an nichts mehr glaubt, muss er scheitern. Er selbst programmiert seine Selbstzerstörung vor. Er stellt auch jenen Typ des Menschen dar, der andere verfolgt, die Gesellschaften tyrannisiert und dem Hass sowie der Gewalt Vorschub leistet.

Józef Szajna, Replik III
Das Kosovo zeigt, dass wir aus der Geschichte fast nichts gelernt haben. Wir zeigen uns naiv hilflos gegenüber dem Bösen, das wir nicht verhindern können. Wenn auf dem Balkan Entwicklungen möglich sind, die sich bei uns vor 50 Jahren abgespielt haben, dann heißt es, dass dort der natürliche gesellschaftliche Zusammenhalt zerstört wurde.

Wenn die Eltern heute ihren Kindern einen gewissen Wohlstand sichern wollen, so haben sie kaum Zeit für ihre Kinder. Es entgehen ihnen dann Veränderungen, die sich mit dem Wachstum in der Psyche ihrer Kinder vollziehen. Den einzigen dauerhaften Einfluss auf die Kinder behalten hingegen die Medien. Sie schaffen Vorbilder und kreieren Autoritätspersonen, denen dann junge Menschen nachzueifern versuchen, indem sie sich wie die Helden der Filmserien verhalten.

Das alles bereitet dem Hass den Boden. Es wird das Bedürfnis gefördert, sich doch frei "Luft zu machen", indem man seine Aggressionen austobt und der Gewalt frönt. Man tut dies oft ohne Grund, "aus Jux"; gelegentlich aber mit dem Ziel, eine neue Ordnung zu begründen, in der junge Menschen Macht und das Sagen haben. Dann geht es aber nie ohne Gewaltanwendung zu.

Dem kann nur durch erzieherische Maßnahmen entgegengewirkt werden. Das Kind verdient unsere größte Aufmerksamkeit, nie soll uns die Zeit für das Kind zu schade sein. Dem Kind müssen Werte vermittelt und vorgelebt werden, damit es im erwachsenen Leben selbst so handeln kann. Man darf das Kind nicht einfach unkontrolliert der Wirkung der Medien ausliefern; Fernsehen darf nicht seine wichtigste Beschäftigung sein.

Von Bedeutung ist auch, die Kunst der Kompromissbereitschaft zu lernen. Man muss für andere Lösungen offen sein und darf sich nicht im Rahmen einer Ideologie einkapseln. Auf die Dialogfähigkeit kommt es an. So, jetzt kennst Du meinen Standpunkt. Melde Dich bald wieder.


Viele Grüße                                

Deine Katarzyna                          





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