Lieber Jan!
Gestern erfuhr ich, dass mein Freund ausgeraubt wurde. Am frühen Nachmittag kamen im Zentrum einer Großstadt zwei nur wenig ältere Jungs auf ihn zu und forderten ihn auf, sein Portemonnaie und die Uhr herzugeben. Sie drohten mit Gewaltanwendung, falls er sich nicht fügt.

Mein Freund war bestürzt und erschrocken. Aus Angst um seine Gesundheit und sein Leben, rückte er raus, was sie wollten. Er ist ein ruhiger Junge, in einem gemütlichen Familienhaus aufgewachsen. Er konnte sich lange nicht beruhigen. Er stellte sich und seinen Eltern immer wieder die Frage, ob er sich nicht hätte anders verhalten sollen. Es ärgerte ihn, dass es in der Nähe keinen Polizisten gab, an den er sich um Hilfe hätte wenden können. Die vorbeigehenden Passanten beschleunigten nur ihren Schritt und schauten weg.
Mich hat diese Nachricht geschockt. Ich fürchte mich auch, weil man sich nirgends mehr sicher fühlen kann. Du bummelst seelenruhig durch die Stadt, bist aber nie sicher, ob dich nicht gleich um die Ecke jemand überfällt, zusammenschlägt bzw. gar umbringt. Dies ist eine grausame Perspektive...
Ich sehe mir oft im Fernsehen die Tagesschau an. Seit einiger Zeit ist auch dort die Gewalttätigkeit ein Thema. Man berichtet über religiös bedingte Konflikte, über ethnische Kriege. Ein freundliches Gesicht berichtet vom Bildschirm: "Zwei Oberschüler haben mehr als zehn Mitschüler und einige Lehrer an ihrer Schule erschossen." oder: "Serbische Soldaten morden Flüchtlinge aus Kosovo"; "Ein vierzigjähriger Mann erstach mit einem Messer das Kind einer gerade vorübergehenden Frau". Aus der Presse schreien uns ähnliche Schlagzeilen entgegen: "Es wurde die Leiche eines vermissten Mädchens gefunden"; "Kaffeehäuser Ort blutiger Auseinandersetzung zweier Gangsterbanden" und dergleichen mehr.
Ich habe den Eindruck, dass sich um jede Ecke eine Tragödie abspielt. Ein Gewaltakt folgt auf den anderen. Diese Bilder lassen in einem vor Schreck das Blut erstarren, sie erzeugen Abscheu und verbreiten Angst.
Heute fragte ich im Gespräch meine Eltern, wo der Konflikt im Kosovo seinen Anfang hatte. Bei dieser Gelegenheit fielen auch solche Namen wie Auschwitz und Kolyma. Diese geographischen Bezeichnungen stehen für brutale Gewalt und für entsetzliches Leiden. Auschwitz, Kolyma und das Kosovo liegen zwar räumlich und zeitlich weit auseinander, haben dennoch eines gemeinsam: sie waren Orte, an denen man Menschen der Würde, der Gesundheit und oft auch des nackten Lebens beraubte.

Warum waren diese Dinge in der Geschichte möglich? Warum sind sie auch heute noch möglich? Woher so viel Hass, der ganze Völker vom Erdboden wegfegt? Weise Köpfe, Soziologen, Psychologen und Historiker wollen die Ursachen dafür ergründen. Ich weiß zunächst zu wenig, um ihnen zu folgen. Ich vermute aber, dass die Ursachen dafür in der nächsten Nähe auszumachen sind. Kriege werden nicht von Völkern vom Zaun gebrochen, sondern von einzelnen Menschen, die sich mit ihresgleichen umgeben. Solche Menschen sind bereit, Kriege zu führen, sei es zwischen zwei Gruppen von Jungs aus benachbarten Straßen, sei es zwischen zwei Städten oder zwischen ganzen Völkern. Sie säen Hass und reißen mit ihrer Propaganda ganze Gesellschaften mit. Von den Anführern angestachelt und benebelt stellen sich viele auf die Seite des Bösen und tun dies in gutem Glauben. Warum erblicken die einen in jedem Menschen eine freundliche Seele, indessen behandeln andere alle ihre Mitmenschen als Feinde, die zu bekämpfen sind? Das Kind kommt doch unschuldig zur Welt. Erst mit der Zeit kann es sich Böses aneignen.
Oft fängt es damit an, dass die Eltern für ihre Kinder keine Zeit haben. Das Kind hat aber das Bedürfnis, in der Familie eine wichtige Rolle zu spielen. Wenn es in der Familie keinen Ansprechpartner findet, wendet es sich woanders hin. Es stürzt sich auf Filme voller Gewalt, auf Computerspiele, in denen nur noch gekillt wird. Es sucht sich die Gesellschaft von Jungs, die sich aus Werten einen Dreck machen und die mit einer Null-Bock-Haltung imponieren wollen. Oft hängt sich der Jugendliche an eine falsche "Autorität" und versucht ihr alles gleich zu machen. Dann kommt der erste Schluck Alkohol, die erste Zigarette, dann wird das erste kleine Ding geklaut. Manchmal kann man noch stoppen, oft geht es aber von selbst weiter.
Ich glaube, dass jene, die Böses tun, sich nicht richtig bewusst sind, was sie tun. Jeder hat seine Chance im Leben. Jedem steht die Welt offen. Man verspielt aber leicht seine Chance. Das muss dem Kind klar gemacht werden. Es muss über seine Chancen aufgeklärt werden und zwar in der Familie. Es ist Aufgabe der Familie, dem Kind seine Chancen bewusst zu machen und seine Gaben zu entwickeln. Die Familie muss auch auf positive Vorbilder hinweisen und erklären, was ist, wenn man sein großes Los verspielt.
Die Erziehung in der Familie ist aber noch nicht alles. Mitspielen müssen sonst noch die Schule und die Kirchen. Die Schulen in Polen sind finanziell arm dran. Wegen der Knappheit der Mittel können viele Schüler nicht von dem üblichen Zusatzangebot Gebrauch machen und sich am Nachmittag an Interessengruppen z.B. an Biologie-, Theater-, Mathematik- Bastlerkreisen beteiligen. Die einfachste Lösung ist dann, sich für Stunden vor der Glotze bequem einzurichten.
Ich glaube, man solle viel mehr in das Schulwesen investieren. Es ist doch sinnvoller, Talente zu fördern als Verbrecher zu bekämpfen. Eine wichtige Rolle fällt dabei den Medien, vor allen Dingen dem Fernsehen zu. Ich mag Komödien, Abenteuerfilme und Sendungen über die Natur, sowie auch Dokumentarfilme. Davon gibt es aber im Programm viel zu wenig. Warum wird ein hochinteressanter Film über das Leben der Delfine erst um 23.30 Uhr ausgestrahlt, während in der Spitzenzeit ganz blöde Filme, voll Brutalität laufen? Es ist ein Haufen Mist. Ich weiß, dass dieser Kaugummi für den Geist hohe Einschaltquoten erzielt und man zwischendurch noch profitable Werbung einblenden kann. Gibt also allein der Profit den Ausschlag? Sind sich die Fernsehleute nicht bewusst, mit welch wichtiger Aufgabe sie betraut sind? Ich hörte mal im Rundfunk, dass in Australien jedes Computerspiel genau auf den Inhalt abgeklopft wird, bevor es zum Verkauf freigegeben wird. Porno und Brutalitäten kommen nicht in Frage. In Polen darf der gesamte Spielmüll aus der ganzen Welt frei abgesetzt werden. Soll das in Ordnung sein? Es ist ja nur noch die Kirche bei uns, die unaufhörlich dazu aufruft, sich zu besinnen und sich in Nächstenliebe zu üben.
Nach meiner Ansicht sollen alle Institutionen in Fragen der Erziehung an einem Strang ziehen. Wenn sie in den Konkurrenzkampf treten, kann das nur bedauernswert in die Hose gehen. Die Erziehungsarbeit kennt keine Pausen, das ist eine unaufhörliche Arbeit. Wenn man sich in der Erziehung auch nur für einen Augenblick eine Verschnaufpause leistet, droht ein harter Rückschlag.
Ich rührte in meinem Brief ein schwieriges Problem an. Es gibt kein einfaches Rezept. Ich möchte mich aber sicher fühlen und in einer Welt leben, die frei ist von Kriegen Aggression und Gewalt. Ich selbst kann nicht sehr viel bewirken. Ich bin aber nicht allein, es gibt viele, die so denken wie ich, und wir wollen angehört werden. Es handelt sich schließlich um Dinge, die einen nicht kalt lassen dürfen. Ich bin Optimist und glaube, dass es mal besser wird.
Mit freundlichen Grüßen
Karol
PS. Viel lieber würde ich Dir nur über nette und angenehme Dinge schreiben.