Auschwitz 2003 - Besuch der 500 Araber und Juden

2003 haben sich in O¶wiêcim 500 Araben und Juden zusammengetroffen. Der Initiator dieses Vorhabens, der Archimandrit Emil Shoufani aus Nazareth, geht von der Annahme aus, dass die Araber die Juden nicht verstehen, solange die Araber die Geschichte von Auschwitz nicht kennen, und die Juden werden kein Vertrauen an Arabern haben, solange diese die Juden nicht verstehen.

Emile Shoufani

"Erstmal solle man einen Gedenkraum errichten - sagte er am Anfang seiner Reise - müsse man menschliche Beziehungen zwischen der jüdischen und arabischen Gemeinschaft pflegen, und nicht nur angesichts der Konflikte. Man solle dem Gebiet der Konflikte zwischen politischen Gegnern ausweichen, die Ebene menschlicher Kontakte betreten. Man solle durch Leiden verstehen, wie man einen neuen Blick in das gemeinsame Leben werfen könne.

Wir marschierten die Rampe entlang im schweigenden Zug, aus Lautsprechern wurden die Namen der Opfer wechselhaft von einem Juden und einem Araber vorgelesen. Am Ende dieses Weges wurde ein Manifest vorgelesen, das Folgendes beinhaltete:

"Gemeinsam unterstreichen wir, dass die Bruderschaft unteilbar ist: entweder ist sie universell oder existiert nicht; jedoch ist sie den Namen "Bruderschaft" dann nicht wert, wenn sie sich nur auf einem Klan, einer Nation, einer Kategorie Frauen oder Männer konzentriert; sie hat keinen eigenen Ausmaß, solange die Bruderschaft fremde Menschen nicht betrifft, mit denen scheint es am schwersten, Kontakte zu knüpfen."

Wer könnte vorher daran geglaubt haben?




Paris, den 2. Juni 2003
Liebe Freunde,

Foto: Philippe Lissac

Wir kamen also aus unserer großartigen Begegnung in Auschwitz-Birkenau zurück. Unverzüglich möchte ich mit Euch meine Eindrücke aus diesem historischen Ereignis teilen, an der sich jeder von uns beteilige. Alles, was sich innerhalb von den drei Tagen ereignete, als sich mehr als 500 Juden und Araber aus Israel, Frankreich und Belgien zusammentrafen - noch vor ein paar Monaten schien, unmöglich zu sein, es sei denn auf dem Papier. Es schien unfassbar zu sein, und auch nicht viele glaubten daran, denn sie das Projekt für vollkommen utopisch, sogar gefährlich hielten. Nun aber diejenige, die keine Angst haben, zu riskieren, bewegen diese Welt. Unter diesen Menschen muss man Emil Shoufani nennen, der seinen jüdischen und arabischen Brüdern einen Weg zeigt, den bisher keiner wagte zu wählen, denn alle befürchteten, ihre Schwächen in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Das sind Erlebnisse, die uns Emil Shoufani hinterließ: gemeinsames Weinen im solidarischen Schmerzen eines Imams und Überlebenden [Survivor]; Zuhören jungen Muslims und israelischen Eclaireurs, wie sie ihren Gefühlen der wahren Zugehörigkeit zu derselben Familie das Zeugnis ablegen; Empfinden denselben "Schauder" der Bruderschaft, der unsere multiethnische, multinationale, multikonfessionelle Gruppe überläuft, während die Namen der Shoah-Opfer laut von Juden und Arabern vorgelesen werden. Und nur ein Wort ist über unsere Lippen gekommen: dziêkujê, Toda, Choukran.

Foto: Philippe Lissac

Weshalb das "Dankeschön", wenn unsere Herzen so vereist waren, wenn wir über so viel Menschenverachtung und Übel vor Entsetzen erstarrt waren, wofür dieses Lager ein Beweis ist? Denn diese Erfahrung, außerhalb der Geschichte und sogar außerhalb der Gefühle, ist wie Balsam auf unsere immer offene Wunde, die Auschwitz für die Menschheit darstellt. Angesichts dieses totalen Grauens wussten wir, dass es noch nicht in Vergessenheit geriet, dass es nicht nur eine Nation betrifft, aber uns alle tief verletzt; wir empfanden - von Trauer berauscht - etwas, was sollte eine Genugtuung sein. In der jüdischen Tradition gibt es ein Wort, tikkoun, das die Berufung eines Menschen bezeichnet, der sich mit "Reparieren" und "Verleimen" zerrissener Menschheit befasst. Ich muss hier meine jüdischen Freunde um Verzeihung bitten, dass ich es auf meine eigene Art und Weise verwende: es scheint mir, dass wir ein gigantisches tikkoun überlebten.

Die Shoah-Überlebenden, die aus Frankreich kamen, bestätigten: seit 60 Jahren empfanden sie noch nie so deutlich, dass sie Zeugen einer Katastrophe waren, die ganze Menschheit, nicht nur Juden, berührte. Und Szlomo Venezia aus Rom, das letzte in Europa lebende Mitglied des "Sonderkommando", sah Sachen an, die kein Mensch sehen sollte. Er kannte Schrecken erregende Wirklichkeit von Gaskammern, er hatte in seinen Augen das Licht, das ein Beweis für die "Besserung", die er erlebte, war. Dieses Licht, wie auch Worte der Zeugen, die damit einverstanden waren, uns gegenüber hunderten Arabern zu begleiten, das war meiner Meinung nach der größte Erfolg.

Foto: Philippe Lissac

Nicht nur ein einziger, denn dieses Ereignis hat auch den bürgerlichen Ausmaß, dessen Ergebnisse noch nicht zu messen sind: israelische Öffentlichkeit, genauso wie jüdische und arabische, möge deswegen berührt sein. Das Ereignis wurde ausführlich in den Medien berichtet; zum ersten Mal erschien die schlagfertige Antwort seitens Arabern auf die Plage von Antisemitismus, die schon zu viele arabische Länder infizierte. Auch in Frankreich die arabisch-jüdischen Verhältnisse sind nicht mehr so wie vorher. Zweifellos ändert sich in den Gesellschaften etwas, was zur Zeit noch nicht wahrnehmbar ist, aber was in der Zukunft das Profil der Debatte beeinflussen würde. Dann nimmt die Debatte ihren Platz auf der Ebene der für die Republik unübertragbaren Werte ein.

Während dieses Aufenthaltes erfuhren wir (dank unserem Freund Prof. Mohamed Arkoun, der hier mit uns wegen Streiks nicht sein konnte), dass der UNESCO Preis "Bildung für den Frieden" an Emil Shoufani verliehen wurde - was bedeutet, dass seine Worte von mehreren Menschen weltweit erkennbar sind. Und besonders, dass die Shoah-Erinnerung - durch diese Begegnung - den universellen Ausmaß hat, den es bisher im Bewusstsein nie gab. Die Tatsache, dass sich so viele Araber daran beteiligten, ließ den richtigen Ausmaß diesem Völkermord zurückgewinnen, den man nicht nur als Mord am jüdischen Volk verstehen kann, aber auch als Versuch, den Begriff der Menschheit zu vernichten.

Das ist der Grund dafür, dass ich dort persönlich sein wollte - ich war am von Emil Shoufani geführten Kampf engagiert. Ich bin sehr stolz auf die Haltung unserer TeilnehmerInnen - d.h. französischer und belgischer Jugendlichen, die den frankophonen Teil der Teilnehmer vertraten. Niemand verstieß gegen bestimmte Prinzipien, die wir annahmen, einschließlich der kennzeichnenden "Kurve", d.h. politischen, interkonfessionellen oder intergemeinschaftlichen Problemen. Das ist die "Kurve", die für viele grundsätzlich schwer zu meiden war, die aber an Ort und Stelle überflüssig war. Niemand hatte Lust, sich zu streiten, es war klar, dass der Grund, warum wir uns hier zusammentrafen, befand sich woanders, auf einer anderen Ebene.

Foto: Xavier Nataf

Immer waren wir davon überzeugt, dass wir politischen Angelegenheiten keine andere Wendung geben können. Was die realen Folgen dieses Ereignisses angeht, hängen sie von uns ab, von dem, was wir jetzt unternehmen. Weder Emil Shoufani, noch ich (dadurch dass ich seine Initiative in Frankreich ausbreitete) hatten vor, alles auf den Kopf zu stellen. Es mag sein, dass Informationen über die Ereignisse sowohl in Frankreich als auch im Nahen Osten noch trauriger als gestern werden. Wir arbeiten aber für übermorgen.

Natürlich, unser tikkoun - gleichgültig wie intensiv - steht in einem ausgewogenen Verhältnis zu menschlichem Übel, zu dem Menschen zugelassen hatten, zu dem Menschheit immer noch fähig ist... Trotzdem: gemeinsam versetzten wir Berge und keiner sagt, die Verständigung zwischen Juden und Arabern sei unmöglich. Es ist geschehen.

Salam. Shalom an alle,
Jean Mouttapa


www.memoirepourlapaix.com


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Mehr: Aktion Reinhard Camps | Remembering Catastrophe: Nazi Camps Today
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Jugendliche über Vergangenheit und Zukunft; Entwurf: Stefan Wilkanowicz; Redaktion: Maria Osterwa-Czekaj;
Design: Marcin Gajownik, Marek Tobolewski; Übersetzung: Justyna Pi±tkowska-Osiñska, Tomasz Ponik³o (Englisch), Katarzyna Kopeæ (Deutsch), Andrzej Rynkar, Eliza Kasprzak (Französisch); PRZEK£ADY.PL (Russisch).
- Es wurden verwendet: Fotoservice "Köln 2005" (Zentrum für Dialog und Gebet in O¶wiêcim),
Helena Kubica "Man darf sie nie vergessen" (Das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau, O¶wiêcim 2005),
"Menschen guten Willens" unter der Leitung von Henryk ¦wiebocki (Das staatliche Museum Auschwitz-Birkenau, O¶wiêcim 2005),
Filmarchiv von Leszek Stafiñski (Kraków).

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