Neue Zukunftsaussichten: Brücken des Vertrauens und Verständnisses

Das Gespräch mit Mohammed Mahdi Shehu – dem Staatssekretär der Organisation „Bridge Builders Association of Nigeria BBA“. Die BBA bezweckt die Verständigung zwischen Christen und Muslims, Reichen und Armen, „auf der Strasse“, d.h. im alltäglichen Leben der Nigerianer. Nigeria zählt 120 Millionen Einwohner. Im Norden wohnen Muslims, im Süden Christen. Seit Jahren gibt es religiöse Streitigkeiten. Mohammed ist Rechtsanwalt, Vater einer vielköpfigen Familie, BBA-Aktivist. Der Organisation gehören lokale religiöse Führern und Aktivisten an. Das Gespräch von Tomasz Ponikło.

Sie leben in Kaduna, in Nigeria. Wie Sie – als BBA-Aktivist – die in ihrem Land erworbenen Erfahrungen nutzen, um den Dialog zu verwirklichen?

Während wir Bridge Builders Association of Nigeria gründeten, lernte ich sehr viel. Bei der Aufgabe arbeiteten katholische Bischöfe, islamische Geistliche und solche Aktivisten als ich zusammen. Die Leitidee war: „Unabhängig von unserer Herkunft und unseren Erfahrungen können wir zusammenarbeiten”. Die Einteilung in Muslims und Christen ist doch kein Problem. Krankheiten, Verbrechen, Unsicherheit haben nichts mit der Diskriminierung zu tun, denn diese Sachen sind unser allgemeiner Feind. Wie Hunger: es spielt keine Rolle, ob Sie ein Christ oder Muslim sind. Oder Erdbeben: es wählt zwischen Christen und Muslims nicht. Indem wir unsere Kräfte vereinigen, können wir zum Ziel haben, diese Probleme ungeachtet der Politik und Unterschiede zu lösen, darauf basierend, was für uns gemeinsam ist. Wenn jemand religiöse Kämpfe beispielsweise in Kaduma beobachtet, wird unter einen kämpfenden Söhne von einem Gouverneuren oder einem Reichen nie sehen. Sie stammen aus armen Milieus. Deshalb gründeten wir Bridge Builders Association of Nigeria, mit dem Ziel, Menschen verschiedener Stämme, Kulturen und Religionen zusammen zu bringen, Gespräche mit ihnen zu führen, Vorlesungen für sie zu halten und sie der Entwicklungsgesellschaft einzuschließen. Jetzt können Sie sehen, wie Christen beim Aufbau einer Moschee, und Muslims einer Kirche helfen. Das Problem liegt nicht in der gemeinsamen Arbeit, aber in mangelndem Geld für diese Unternehmen. Wir wollen auch zeigen, dass sakrale Gebäude, Moscheen und Kirchen, dürfen Ziele in keinem Krieg sein. Und nicht nur, das betrifft auch Menschen. Das Leben jedes Menschen, eines Muslims und eines Christen, sollte geschützt werden.

Wir alle seien Menschen. Wir seien als Männer und Frauen geschaffen worden, als Menschen verschiedener Nationalitäten, die einander kennen lernen sollten – so sagen Muslims in einem Gebet um die Gerechtigkeit und den Frieden. Welche Folgen könnte dieses Kennenlernen haben?

Wir könnten uns kennen lernen, so wie ich Sie zum ersten Mal in meinem Leben treffe und kennen lerne. Tatsächlich sind Sie der erste Pole, den ich kenne. Ich esse mit Ihnen, wir wohnen in demselben Hotel. Ihr Verhalten ist für mich von großer Bedeutung, darauf beruhe ich meine Meinung über Polen. Ich weiß also gute Charakterzüge an den Polen zu schätzen. Meiner Meinung nach sind Sie friedlich, verantwortlich, freundlich, eine Person, die in jedem Land der Welt leben kann. Das ist mein Eindruck. Wäre ich nicht gereist, wären Sie nicht gereist. Sie hätten über mich, ich hätte über Sie nicht gewusst. Gott zeigt aber, dass Menschen verschiedener Nationalitäten verschiedene Sendungen und Aufgaben zu erfüllen haben. Aus diesem Grunde müssen sie sich kennen lernen. Sie sind weiß. Gott schuf mich als Schwarzhäutiger. Unabhängig davon ist es keine Barriere. Sie können sich mit mir unterhalten, und ich werde Sie verstehen. Wenn ich spreche, werden Sie mich verstehen. Wenn Sie etwas Süßes kosten würden, und wenn ich auch etwas Süßes kosten würde, würde es derselbe süße Geschmack sein. Wenn etwas bitter schmecken würde, würde es bitter für uns beide sein. Wir haben viel Gemeinsames, und es ist irrelevant, dass ich ein Nigerianer, und Sie ein Pole sind. Wir alle schlafen, essen, gehen auf die Toilette. Manchmal sind wir glücklich, manchmal nicht. Polen sterben, Nigerianer auch, jeder stirbt. Haben Sie mal über jemanden gehört, der nicht von einer Frau geboren wurde? Nein. Diese Sachen sind gemeinsam für uns, ungeachtet der Hautfarbe, und der Entfernung, wo wir leben. Die Hautfarbe oder die Sprache haben also keine Bedeutung. Von Bedeutung ist nur die Sendung, mit der Sie kommen. Welche Bedeutung hat die Tatsache, dass Sie mich wie einen Menschen behandeln? Behandeln Sie ein Tier wie ein Tier, einen Wurm wie einen Wurm. Behandeln Sie mich nicht wie ein Tier, weil ich kein Tier bin. Wenn ich Sie am menschlichsten behandle, bedeutet es, dass wenn Sie Hunger hätten, sollte ich Ihnen Essen geben, und wenn Sie krank wären, sollte ich Ihnen pflegen. Es ist das Wesen der Menschlichkeit. Behandeln Sie einen Menschen wie einen Menschen.

Versuchen wir jetzt in der Tradition, in der Geschichte oder in heutiger Zeit eine Person zu finden, die ein gemeinsames Symbol für das Begreifen des Glaubens für die Bekenner der drei monotheistischen Religionen verkörpert.

Abraham. Abraham ist Vater der drei Religionen – Vater von Juden, Christen und Muslims. Er ist für uns alle. Das Beispiel seines Glaubens stellt die Vereinigung der drei Hauptreligionen dar. Leider ist niemand bereit, die Bibel zu lesen, die Abrahams Größe zeigt. Da wir egoistisch sind, sind wir auch ignorant. Ich las die Bibel mehrmals. Ich unterrichte die Bibel. Ich weiß darüber viel mehr als manche Christen. Und ich komme zu einer Schlussfolgerung, dass wenn Christen bibelgemäß lebten, und sich an die Zehn Gebote hielten, wäre es wunderbar. Es gäbe dann kein Verbrechen, keine Feindschaft, keinen Krieg. Das gleiche geht Muslims an, die nach dem Koran leben. Muslims und Christen müssen wissen, der Himmel ist der Beginn ihrer Reise, nicht das Ende. Aber wir sind so eingeteilt, dass wir unsere Religionen nicht verstehen, egal wie religiös wir uns nennen. Wäre der Islam in Polen entstanden, wären Sie ein Muslim gewesen. Wäre der Islam nach Afrika nicht gekommen, wäre ich ein Christ gewesen. Die meisten von uns sind Muslims aus historischen Gründen, was uns als Ignoranten bezeichnen lässt. Die meisten Christen sind Christen zufällig, d.h. sie sind auch ignorant. Möchten wir wirklich gute Muslims und gute Christen sein, würde die Welt ein besserer Platz zum Leben sein, für uns alle. Jetzt ist es notwendig, den Staub von religiösen Manuskripten zu beseitigen, und sie als Wesen der Menschlichkeit und Achtung verstanden werden zu lassen.

Gibt es jetzt eine Person, um die wir uns versammeln könnten?

Es ist ein individuelles Problem – ein Problem von Tomasz, Mohammed, Henrietta, Zeihna, Buhari, Attahir, von jedem. Man soll nicht ausgeschlossen leben, aber die Botschaft über den Frieden und Dialog zu verbreiten. Unter Religionen, Stämmen, Nationen. Wir sollten Menschen des Friedens und Dialogs sein.

Sie reisen sehr viel. Das gibt eine Chance, Situationen des Konflikts und Dialogs in verschiedenen Teilen der Welt zu vergleichen. Denken Sie, dass Probleme in religiösen Konflikten aus religiösen Gründen erfolgen, oder dass sie von kulturellem Hintergrund beeinflusst sind?

Ja, ich gebe zu, dass Kultur einen großen Einfluss auf Religion hat. Insbesondere betrifft das die zwei Fälle, von denen wir sprechen. Kultur ist sehr schwer zu überschätzen. Ich bin damit einverstanden, dass einige kulturelle Bräuche, solchen Religionen wie dem Islam und dem Christentum entgegenstehen. Aber ich glaube auch, dass ich in den beiden Religionen Anregung finden kann. Es ist wichtig, zu wissen, wo die Grenze zwischen einer Religion und einem kulturellen Brauch liegt.

Worauf sollten wir uns in einem Land wie Polen konzentrieren, um die Brücke zwischen Christen und Muslims zu bauen, noch bevor sich die Anzahl von Muslims erhebt? Wie können wir einen Konflikt vermeiden, und einen Dialog zu befürworten?

Meiner Meinung nach gibt es drei wesentliche Elemente. Erstens muss man begreifen, dass es auch andere Religionen außer Christentum gibt. Die Bekenner aller Religionen möchten ihre Religionen praktizieren ohne dabei gestört zu werden, was besonders im Falle einer Minderheit wichtig ist. Zweitens ist es für die Mehrheit besser zu versuchen, Gefühle der Minderheit zu verstehen. Das verursacht, dass sich die zwei Gruppen näher kommen, mehr von sich verstehen, und einen tiefen Respekt füreinander haben. Aber wenn es zur Verachtung kommt, schaffen Sie eine Situation, wenn sie sich von der Minderheit entfernen, denn diese ihre eigene Gruppe bildet, was immer missverstanden wird. Und man braucht Jahrzehnte, um die vorherige Situation wiederherzustellen. Drittens – wenn Sie etwas von Bekennern einer Religion hören, Buddhisten oder Muslims, beurteilen Sie nicht diese Religion aufgrund ihrer Verhaltensweise. Wir kennen schlechte Christen, und genauso kennen wir schlechte Muslims, oder auch Anhänger einer anderen Religion. Aber es gibt auch gute Menschen. Wenn Sie Muslims verstehen möchten, greifen Sie nach dem Koran, denn er ist die Quelle. Im Islam wird Genuss von Alkohol aller Art verboten. Die Tatsache, dass Sie Muslims trinken sehen, bedeutet nicht, dass der Koran zulässt, es zu tun. Ein Mensch beschloss nur, es ungeachtet des Verbots zu tun. Betrachten Sie ihn nicht als Alkoholiker und gleichzeitig alle Muslims als Alkoholiker. Dieser Mensch ist ein Muslim, der beschloss, sich schlecht zu benehmen, ohne sich an Gottes Wort zu halten. Wenn Sie einen Muslim kämpfen sehen, beurteilen Sie den Islam nicht aufgrund dessen. Er ist ein Kämpfer. Wenn er in diesem Kampf auf der Religion beruht, irrt er sich. Und wenn ein Muslim lügt, prüfen Sie im Koran, dass die Lüge keine Tugend ist. Finden Sie einen Muslim, der mit jedem im Frieden leben möchte. Wenn Sie das tun, finden Sie einen Muslim, der den Koran respektiert. Und versuchen Sie immer, solche Menschen Ihrer Gesellschaft einzuschließen. Muslims sollen soziales Leben führen. Schreiben Sie an Muslims einen offiziellen Brief, zum Beispiel: „Die Katholiken aus Kraków laden Muslims aus Kraków zu einer Umweltaktion bei der Reinigung der Bahnstation ein, die am Montag, dem 7. Januar 2007 stattfindet. Wir erwarten ca. hundert Gäste. Die Kosten von einer Mahlzeit für die Teilnehmer belaufen sich auf ca. 10.000 PLN. Tragen Sie bitte zu dem Budget bei”. Sie werden es tun. Sie werden teilnehmen. Alle Minderheiten sollten dazu beitragen, was in einer Gesellschaft unternommen wird. Muslims haben aber große Verantwortung. Selbst wenn es einen Muslim nur in Kraków gibt, sollte er sein Zimmer nicht schließen und mit keinem sprechen. Man erwartet, er geht zu Tomasz, zu Anita und zu Andrew, und sich mit ihnen befreundet, denn so praktiziere er seine Religion.

Was würden Sie als Beispiel vom Aufbauen der Brücken für Europa zu nennen?

Ich habe ein gutes Beispiel von heute. Während wir zusammen zur Moschee gingen, gingen wir auch an der Methodische Kirche vorbei. Unser Führer sagte überraschenderweise, moslemische Kinder würden in diese Kirche gehen, um dort den Islam-Abendunterricht zu besuchen. Die Räumlichkeiten werden gemietet. In dieser Kirche findet der Islam-Unterricht für moslemische Kinder fünfmal pro Woche statt. Und das ist wichtig, dass Sie sehen, dass es keine Barriere zwischen uns gibt, dass wir uns bei uns oder bei euch treffen. Es gibt eine Regel in Bezug auf die Minderheiten, an die ich Sie erinnern muss. Wenn Sie eine Minderheit schlecht behandeln, dann wenn sich ihre Anzahl erhebt, wird sie zu Ihrem Feind. Und Sie werden Freunde nie wieder. Aber wenn Sie versuchen, sie zu verstehen, auch wenn sie kleine Kinder sind, vergessen sie es nie. In Polen sind Sie in der Mehrheitsgruppe. Aber eines Tages kann es passieren, dass Sie in der Minderheit werden. Sie kommen nach Nigeria, hier gehören Sie einer Minderheit. Wenn jemand etwas Böses gegen Sie tut, ist es unangenehm. Wenn Sie als Vertreter der Minderheit gut behandelt werden, fühlen Sie sich sicher. Als Gast des guten Muslims brauchen Sie keine Angst zu haben, denn der Muslim würde sein Leben geben, um Sie zu schützen.

Was können Sie vom Dialog zwischen Muslims und Christen, Muslims und Juden sagen? Gibt es Unterschiede?

Der Dialog beruht immer auf denselben Prinzipien. Der Dialog bedeutet: „Erzählen Sie mir Ihre Gefühle“. Der Dialog hat nichts mit Mitleid zu tun. Der Dialog versucht, andere zu verstehen. Tomasz ist ein Mensch, Anita ist ein Mensch. Was tun sie, wenn sie mich nicht mögen? Dann reicht es, wenn sie mich nur einmal täglich sehen. Wenn Tomasz will, dass ich ihn sprechen höre, spricht er einfach. Wenn er nicht will, dass ich ihn Tomasz nenne – frage ich ihn, wie ich seinen Namen aussprechen soll. Wenn er mir es sagt, versuche ich, es zu lernen. Da es Einzelheiten gibt, die jemanden sehr tief verletzen können. Manchmal haben wir keine Ahnung davon. So ist der Dialog eine Methode für gegenseitiges Verstehen. Wir könnten uns eine Situation vorstellen, in der Sie möchten, dass ich mit Ihnen spazieren gehe. Sie rufen mich an und sagen: „Tomasz am Apparat. Gehen wir morgen in den Park spazieren?“ Ich antworte: „Warum nicht?!“ Aber wenn Sie wissen, dass ich in den Park wegen vieler Menschen da nicht gerne hingehe, und trotzdem fragen Sie „Mohammed, gehen wir in den Park am Sonntag spazieren?“. Dann hören Sie wahrscheinlich: „Hmm, Tomasz, ich bin beschäftigt“. Und deshalb, dass Sie sich sogar keine Mühe geben, um zu erfahren, was ich mag, und was ich nicht gerne tue. Wenn Sie es getan hätten, wäre alles einfacher für uns beide gewesen, und wir hätten in dieser Welt viel besser gelebt. Als ich diesmal aus Nigeria reiste, verließ ich mein teures Auto bei meinem Freund, einem katholischen Bischof. Ich habe Familie, und viele Freunde, aber ich vertraue ihm. Und es ist egal für mich, ob er das Auto fährt oder nicht. Es geht nicht um das Auto, aber um das Vertrauen. Ich weiß, dass wenn uns in Kaduna eine Gefahr droht, kann ich mit meiner ganzen Familie zu seinem Haus kommen. Da ich ihm vertraue. Und auch wenn er unter meinem Dach ist, wird er immer geschützt.


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Mehr: Aktion Reinhard Camps | Remembering Catastrophe: Nazi Camps Today
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Jugendliche über Vergangenheit und Zukunft; Entwurf: Stefan Wilkanowicz; Redaktion: Maria Osterwa-Czekaj;
Design: Marcin Gajownik, Marek Tobolewski; Übersetzung: Justyna Piątkowska-Osińska, Tomasz Ponikło (Englisch), Katarzyna Kopeć (Deutsch), Andrzej Rynkar, Eliza Kasprzak (Französisch); PRZEKŁADY.PL (Russisch).
- Es wurden verwendet: Fotoservice "Köln 2005" (Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim),
Helena Kubica "Man darf sie nie vergessen" (Das staatliche Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim 2005),
"Menschen guten Willens" unter der Leitung von Henryk Świebocki (Das staatliche Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim 2005),
Filmarchiv von Leszek Stafiński (Kraków).

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